Aus den Akten Pinker vs. Anarchie 3: Der Leviathan-Effekt

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von Stefan Blankertz

Was sind Pinkers Thesen? Vorderhand ist die Antwort einfach:

  1. Das Gewaltniveau[1] hat trotz einiger Schwankungen und Zwischenhochs kontinuierlich von Anbeginn der Menschheit bis heute abgenommen.
  2. Der größte »Sprung« dabei ist die Entstehung des Staats,[2] mit welcher der in der Anarchie[3] herrschende »Krieg Aller gegen Alle« beendet wird.[4]
  3. Zur weiteren Reduktion der Gewalt kommt es darauf an, den Staat »leistungsfähiger«[5] zu machen. Jede Schwächung des Staats führt zu einem höheren Gewaltniveau.

Bei zweitem Hinsehen ergibt sich eine Schwierigkeit. Das Idealbild von Thomas Hobbes, demzufolge die Menschen zur Überwindung des katastrophalen anarchischen »Naturzustandes« ein befriedetes »Gemeinwesen« gründen,[6] lässt sich empirisch nicht belegen und Pinker versucht es auch gar nicht erst. Mit wie viel Brutalität die Staatsgewalt vorgegangen ist (und selbst in Pinkers idealisierender Beschreibung auch in weiten Teilen der Erde immer noch vorgeht), ist das Thema vieler Seiten in Pinkers Buch. Und nun fragt sich, welcher Mechanismus den unumschränkten, allgewaltigen Staat, den »Leviathan« also, dazu bringt, seine Gewalt zu reduzieren?

Sicherlich leuchtet ein, dass Herrschende, welche die Bevölkerung des von ihnen beanspruchten Landes ausrotten oder so an der Produktivität hindern, dass sie in bitterster Armut verharrt, keine Basis haben, um ihr eigenes Wohlleben oder ihre kriegerischen Expansionspläne durch Tribute und Steuern zu finanzieren.[7] Aber es leuchtet nicht ein, warum das ökonomische Kalkül die Gewalt der Herrschenden zügeln sollte, nicht aber eine Gemeinschaft freier Menschen, von der Hobbes und Pinker annehmen, dass sie trotz Angst und Armut generierender Effekte der Gewalt zum permanenten internen Kleinkrieg tendiere.

Pinkers Antwort nach dem Mechanismus der Gewaltreduktion orientiert sich an der Theorie von Norbert Elias und nimmt einen »Prozess fortschreitender Zivilisierung« an.[8] Dieser Prozess wird uns noch in einem späteren Teil genauer beschäftigen.[9] Hier nur so viel vorweg: Wenn nicht angenommen wird, dass es einen in der Staatlichkeit selbst begründeten, am Bewusstsein der Handelnden vorbei wirkenden Automatismus einer Entwicklung hin zu weniger Gewalt gibt, muss diese Entwicklung von außen an den Staat herangetragen werden, muss sie ihm durch Widerstand abgetrotzt werden.[10] Damit begibt Pinker sich in einen logischen Zwist. Schauen wir uns folgende Aussage an: Zur Diskussion von gegen den Trend steigenden »Mordraten«[11] in der Gegenwart merkt er an, Länder »wie Russland (29,7)[12] und Südafrika (69)[13] dürften im Gefolge des plötzlichen Zusammenbruchs ihrer früheren Regierungen einen Entzivilisierungsprozess durchgemacht haben«.[14]

Diese Aussage ist zwar konsistent mit Pinkers Leviathan-Theorie,[15] aber die Frage erhebt sich, ob denn etwa die Russen und die übrigen die UdSSR konstituierenden Völker an der UdSSR hätten festhalten sollen, um sich den Entzivilisierungsprozess zu ersparen?

An einer späteren Stelle schreibt Pinker: »Während also die Vermehrung der Bürgerkriege [in Afrika] aus der anarchistischen Entzivilisierung der Nachkolonialzeit erwuchs, könnte sich in dem Rückgang der jüngsten Zeit ein Wiederzivilisierungsprozess zeigen, in dessen Verlauf leistungsfähige Regierungen ihre Bürger besser schützen und ihnen dienen, statt sie zur Beute zu erklären. Viele afrikanische Staaten haben ihre Psychopathen vom Schlage eines Bokassa gegen verantwortungsbewusste Demokraten ausgewechselt; einer davon, Nelson Mandela, gehört zu den größten Staatsmännern aller Zeiten.«[16] Hier lohnt es sich, sehr genau zu lesen, denn die auf den ersten Blick mit der Leviathan-Theorie konsistente Argumentation bewegt sich rasant auf ihren inneren Zusammenbruch zu:

  1. Die Kolonialzeit setzt Pinker als »Zivilisierungsprozess« voraus (sonst könnte ihr keine Entzivilisierung folgen), inklusive aller von den Kolonialmächten begangenen Grausamkeiten und Genozide.
  2. Die Nachkolonialzeit, in der durch Afrikaner geführte Staaten – die teils von Gnaden der ehemaligen Kolonialmächte lebten, teils aus revolutionärer Gewalt hervorgegangen sind – mit den durch die Kolonialmächte geschaffenen Grenzen die Herrschaft übernahmen, charakterisiert er als »anarchistisch«.[17]
  3. Es scheint durchaus möglich zu sein, dass in Staaten Psychopathen an die Macht kommen. Wie ist das zu verhindern? Auf welche Weise lassen sie sich »auswechseln«, ohne damit oder dabei eine »Entzivilisierung« einzuleiten? Denn der Leviathan-Theorie zufolge wirkt jede Delegitimierung des Staats unmittelbar gewaltsteigernd. Diesen Zusammenhang sieht Pinker so eng, dass nicht nur die großen staatlichen Umbrüche (wie etwa der Zerfall der UdSSR) eine Gewaltsteigerung nach sich ziehen, sondern auch die »Delegitimierung« staatlicher Gewalt und der Reinlichkeit durch die us-amerikanischen Hippies in den 1960er Jahren.[18]
  4. Nelson Mandela hat nicht Bokassa »ausgewechselt«, sondern genau das südafrikanische Apartheidssystem abgelöst, dessen Zusammenbruch eine Vervielfachung der Homizidrate folgte; noch heute liegt die Rate deutlich höher als zur Zeit der Apartheid.

Als ein zentrales Beispiel für seine Leviathan-Theorie führt Pinker die !Kung an.[19] Die !Kung gehören zur Ethnie der San, früher auch Kalahari-Buschleute genannt. Sie gelten als besonders friedlich; es heißt, dass sie keinen Krieg führen. Die Aussage von Pinker: Bevor die !Kung unter staatliche Kontrolle gestellt wurden, hätte die interne »Mordrate« bei 41,9 (je 100.000 Einwohnern) gelegen, nach ihrer »Befriedung« durch den Leviathan sei sie auf 29,3 gesunken[20] und damit immer noch vergleichsweise sehr hoch. Schauen wir uns die Sache mit den !Kung genauer an. Die !Kung sind für Pinker und die Antianarchisten unter den Ethnologen darum so wichtig, weil gerade sie als »harmlose« Leute gepriesen wurden. Es scheint so, als sei die These von der friedlichen Uranarchie erledigt, wenn der Mythos der Harmlosigkeit bei den !Kung widerlegt werden kann. Richard Lee, auf dessen Feldforschung die Kalkulation der hohen Homizidrate basiert, sagt jedoch ausdrücklich, dass diese bei den !Kung, die auch er als insgesamt freundlich und kooperativ beschreibt, außergewöhnlich hoch sei, während der Durchschnitt bei akephalen Gesellschaften z.B. in Uganda zwischen 1,1 bis 11,6 mit einem Modalwert zwischen 4,0 und 6,0 liegt.[21] Warum nicht diese niedrigen Raten zum Vergleich mit dem Leviathan heranziehen? Um so niedrige Raten (eher in Ausnahme- als in Normalfällen) zu erreichen, hat der Staat lange, sehr lange gebraucht. Interessanterweise setzt Pinker selbst neben die »Mordrate« der !Kung als Vergleichswert denjenigen von den »10 größten amerikanischen Städten 1990« und der liegt sogar höher als bei den !Kung nach ihrer Unterwerfung unter die Kontrolle der Regierung. Da in den Städten der USA 1990 sicherlich ein seit langen unangefochten existierender, demokratischer Staat mit starker, hochtechnologischer und effektiver Infrastruktur herrscht, der den ganzen Prozess der Zivilisierung hinter sich hat, dem Pinker die Gewaltreduktion zuschreibt, leuchtet nicht ein, warum dies ein empirischer Beweis für die Güte des Leviathan und für den Schrecken der Anarchie sein soll. Und übrigens: Lange war es legal, San Buschleute zu jagend. Die letzte Jagderlaubnis stellte der befriedende und gewaltreduzierende Leviathan 1936 aus.

Da eine akephale Gesellschaft naturgemäß keinen Justiz- und Polizeiapparat hat, der Recht (oder Unrecht, je nach Betrachtungsweise) durchsetzt, können nicht alle Tötungen als »Mord«[22] bezeichnet werden. Denn überwiegend dienen sie der Rechtsdurchsetzung. Das ist, was auch aufgeklärte Ethnologen heute noch als verachtenswerte »Blutrache« bezeichnen. Wie auch immer wir zu den Rechtsvorstellungen in anders strukturierten Gesellschaften stehen,[23] sie lassen sich nicht unter der Kategorie »Mord (und Totschlag)« einordnen. Umgekehrt könnten wir der Statistik der USA (oder anderer westlicher Länder) anschließend an Richard Lee die Kriegstoten, die versteckten Vorkommen von Tötung durch häuslicher Gewalt oder Autounfälle hinzurechnen und landen dann für die USA in der Zeit des Vietnamkriegs bei einer Rate von 100 (auf 100.000 Einwohner).[24] Hierbei hat Richard Lee die vollstreckten Todesurteile und die bei polizeilicher Verfolgung Getöteten immer noch nicht in seiner Rechnung. So tief verwurzelt ist der Grundsatz von Thomas Hobbes, dass es vor der Etablierung des Staats ein Recht und demzufolge auch berechtigte Tötung nicht geben könne.[25]

Vielleicht wichtiger noch ist ein zweiter Aspekt. Pinker ordnet die von Bruce Knauft hochgerechnete Mordrate 1920 bis 1955 unter »vor staatlicher Kontrolle« ein. Bruce Knauft begründet die Eingrenzung des Zeitraums tatsächlich damit, die Gewalt sei »aufgrund fehlenden kolonialen Eingriffs« höher.[26] Damit hat er sozusagen das, was die Untersuchung ergeben sollte, schon vorausgesetzt. Aber dass eine Ethnie noch nicht der Kolonialverwaltung unterworfen ist, heißt nicht, dass sie keiner Einwirkung durch die Kolonialisierung ausgesetzt war. Beschränkung des Lebensraums, Verdrängung in ökologisch schlechtere Nischen sowie Nachstellungen durch die Kolonialherrn und möglicherweise bewaffneter Widerstand der bedrohten Ethnie wirken oft auch auf einen problematischen innergesellschaftlichen Wandel hin. Da Konflikte zwischen den Ethnien der Nomaden normalerweise durch Wegzug der unterlegenen Seite geregelt werden, führt die koloniale Verdrängung und Beschränkung des Lebensraums sogar zur Erhöhung des Risikos interethnischer gewaltsamer Auseinandersetzungen, wenn kein Raum zum Ausweichen mehr vorhanden ist.

Die San, zu denen die !Kung zählen, sind seit der Gründung von Kapstadt 1652 immer wieder von den niederländischen Gouverneuren bedrängt und verfolgt worden. Joshua Goldstein verweist auf Berichte durch »deutsch-sprachige Anthropologen«, die die !Kung im Gegensatz zu ihrem friedlichen Ruf als »kriegerisch und zu Überfällen geneigt« beschreiben.[27] Die Berichte stammen aus dem Jahr 1916, also nach mehr als 250 Jahren kolonialer Drangsal, in Verlauf derer, wie Goldstein nicht vergisst mitzuteilen, die San nahezu ausgerottet werden. Aber nicht nur das, 1912-1915 fand ein groß angelegtes Massaker unter den San statt, angerichtet durch die deutsche Kolonialverwaltung. Ob die Ethnologen das Bild von den kriegerischen San zeichneten, weil sie der Kolonialverwaltung ideologische Hilfestellung geben wollten, oder nicht in der Lage waren, die Auswirkungen eines Vernichtungsfeldzugs auf die inneren sozialen Strukturen zu erkennen, sei dahin gestellt. Joshua Goldstein und in seinem Gefolge Pinker sind heute jedenfalls nicht klüger oder redlicher als die Ethnologen damals.

»Ein anderer angeblich friedfertiger Fall«, fährt Joshua Goldstein fort,[28] »sind die Semai in Malaysia«. Ende der 1940er Jahre fand in Malaysia ein anti-kolonialer Aufstand unter Führung der kommunistischen Partei statt. Die britische Kolonialverwaltung wollte die Semai als Hilfstruppe verpflichten, diese winkte jedoch zunächst einmal ab, weil sie keine Krieger seien. Es gab daraufhin den Versuch der Briten, die Semai »zu ihrem eigenen Schutz« zu internieren. Doch während der Gefangenschaft starben so viele Semai, dass sie wieder in den Dschungel entlassen wurden. Dann liquidierten die Aufständischen fast alle Familienoberhäupter der Semai und die übrigen Semai zogen nun doch an der Seite der Briten in den Krieg. Den Vorgang nannten sie selber einen ihnen unbegreiflichen und für sie verachtenswerten »Blutrausch«. Ich muss mich zügeln, nicht zu ausfälligen Vokabeln zu greifen, um auszudrücken, was ich angesichts der Schadenfreude von Joshua Goldstein empfinde, dass es doch gelungen sei, aus den Semai Krieger zu machen und somit die Geschichte ihrer Friedfertigkeit widerlegen zu können. Was will der Ethnologe als Beweis von Friedfertigkeit? Dass man sich ohne jeden Widerstand abschlachten lässt? Die San jedenfalls haben sich weitgehend ohne Widerstand abschlachten lassen. Dass dies keine Spuren in ihrer Gesellschaft und in ihrem Umgang untereinander hinterlassen hat, kann niemand, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist, annehmen. Und obwohl die San ihrer Kolonialisierung vergleichsweise wenig Widerstand entgegensetzten, sondern wo möglich versuchten auszuweichen, wirft ihnen Pinker den Widerstand genau wie Joshua Goldstein als Beweis ihrer naturgegebenen Gewalttätigkeit vor: Die !Kung San wurden »in den 1960er Jahren als Musterbeispiel für die Harmonie unter Jägern und Sammlern gepriesen«, in »Wirklichkeit hatten sie in früheren Jahrhunderten häufig gegen europäische Kolonialherren, ihre Nachbarn vom Volk der Bantu und untereinander Krieg geführt«.[29]

Darüber hinaus ist es ganz unklar, wie »gering« die Eingriffe der Kolonialverwaltung in die Sozialstruktur der !Kung tatsächlich in dem von Richard Lee betrachteten Zeitraum waren. Denn in drei Fällen sind die Täter verhaftet und verurteilt worden, der erste Fall 1946.[30]

Dennoch wissen wir etwas über die Vorgeschichte der !Kung und zwar durch archäologische Untersuchungen, die Pinker an andere Stelle zur Determinierung des Gewaltniveaus in vorgeschichtlicher Zeit herangezogen hat. Eine Studie von Susan Pfeiffer,[31] veröffentlicht 2016, kommt zu dem Schluss, dass intentionale Tötungen im Gebiet der heutigen Kalahari »selten« vorgekommen seien. Eine genaue Quantifizierung unterlässt sie aus gutem Grund.

 

Testen wir die Leviathan-Theorie von Pinker noch an einem anderen, aktuelleren Thema. »Der Historiker Pieter Spierenburg hat es provokant so formuliert, dass ›die Demokratie zu früh‹ nach Amerika [USA] gekommen sei. In Europa hat der Staat zunächst die Menschen entwaffnet und dann ein Gewaltmonopol errichtet, und dann übernahmen die Leute die Staatsapparate. In Amerika haben die Menschen den Staat übernommen, noch bevor er sie dazu gezwungen hat, die Waffen niederzulegen.«[32]

Schon die Prämisse, in Europa habe der Staat zunächst die Untertanen entwaffnet und dann erst sich demokratisiert, hat einen Haken. Der zeitliche Ablauf stimmt nicht. In Deutschland z.B. gab es gesetzliche Beschränkungen des Waffenbesitzes zur Zeit der Monarchie so gut wie keine, lediglich das »Mitführen in der Öffentlichkeit« war reglementiert.

Wie kommt es zu staatlichen Waffenverboten? Zunächst gibt es das Ziel, die Bevölkerung zu entwaffnen, um die Möglichkeit zu Widerstand zu reduzieren. Sofort nach der Machtübernahme 1933 wurde das Waffengesetz aus der Weimarer Republik vom nationalsozialistischen Staat genutzt, um die Juden zu entwaffnen. 1938 erließ der NS-Staat das Reichswaffengesetz.[33] Dieses Gesetz verfolgte unzweideutig das Ziel, Regimegegnern die Beschaffung von Waffen zu erschweren.

Heute folgen Waffenverbote jedoch eher der Logik eines weichgespülten Leviathan, dass der Staat, um so mächtiger er ist, desto besser für Sicherheit und Ordnung sorgen könne. So zum Beispiel: Am 13. März 1996 tötete ein Amokläufer in der Turnhalle der Dorfschule im schottischen Dunblane 16 Kinder und ihre Lehrerin. Als Folge erheblichen öffentlichen Drucks wurde in Großbritannien das Waffenrecht so sehr verschärft, dass der private Waffenbesitz weitgehend verboten ist und es heute zu den weltweit schärfsten gezählt wird. Nach dem strikten Verbot privaten Waffenbesitzes stieg die Rate von mit Waffen begangener Straftaten bis 2002 an und die »Waffenlobby« triumphierte.[34] Ab 2002 fällt die Rate und die Befürworter des Waffenverbotes reklamieren das Gesetz als Erfolg,[35] obwohl die Rate heute kaum auf dem Niveau von vor 1997 angelangt ist. Der Anteil der Fälle von Erschießen an den Tötungsdelikten in England beträgt allerdings sowieso deutlich weniger als 10%.[36] In welche Richtung sich die Kriminalität in England weiterentwickelt, wissen wir nicht. Dass diese Entwicklung etwas mit dem Waffenrecht zu tun hat, ist eher unwahrscheinlich.[37]

England-Statistik

In Russland gab es nach dem Zusammenbruch der UdSSR, wie bereits erwähnt, »trotz« des Verbots privaten Waffenbesitzes relativ zur Bevölkerungszahl mehr als doppelt so viele Homizide wie in den USA.[38] Inzwischen wurde das Waffenverbot weitgehend aufgehoben. Die Homizidrate fiel, liegt aber damit immer noch höher als in den USA. Wie man es auch dreht und wendet, weder in nationalen noch internationalen Vergleichsstudien lässt sich die Behauptung erhärten, dass Waffenverbote einen Einfluss auf die Homizidrate haben. »Armut, Arbeitslosigkeit und Drogen haben großen Einfluss auf Gewaltdelikte mit Schusswaffen, Waffengesetze werden jedoch von Kriminellen ignoriert«, fasst Katja Triebel die Forschungsergebnisse zusammen.[39]

Vergleichen wir internationale Werte, zeigt sich, dass es keinen Zusammenhang von hoher Rate beim Waffenbesitz in privater Hand und Homizidrate gibt, nicht einmal der Anteil der mit Feuerwaffen ausgeübten Homizide steht in einem geraden Verhältnis zur Rate beim Waffenbesitz. Und immer wieder zeigen die Statistiken, dass der Anteil der mit Feuerwaffen verübten Homizide an der Gesamtzahl der Homizide in den meisten Ländern relativ klein ist. Wir können also davon ausgehen, dass jemand, der einen Mitmenschen umbringen will, dies auch auf alternative Weise tut, wenn er keine Feuerwaffen zur Hand hat. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er hiervon nur darum absieht, weil er keine Waffe im Schrank vorfindet.

Europa-Statistik

Das auch von Pinker gepflegte Bild der gewalttätigen, weil noch nicht wirklich von Staatlichkeit durchdrungenen USA ist stark durch Klischees vom Wilden Westen geprägt. Der anarchische Wilde Westen war dem zentralstaatlich geordneten alten Europa stets ein Dorn im Auge. Doch nicht nur dem, sondern auch dem neu erstarkenden us-amerikanischen Staat. Während die Pioniere, Grenzer, Farmer und Viehzüchter mit den indianischen Ureinwohnern überwiegend friedlich zusammenlebten und Konflikte per Vertrag lösten (sowie sich an die Verträge strikt hielten), setzte der us-amerikanische Staat besonders während und nach dem Bürgerkrieg 1861-1865 auf eine gewaltsame »Endlösung«, die eine Vernichtung weiter Teile der indianischen Bevölkerung und die Unterbringung der überlebenden Reste in Zwangs-Reservate einschloss.[40]

Indian-White-Grafik

Der Leviathan-Effekt ist nicht heilsam oder gewaltreduzierend, ganz im Gegenteil.

[1] Quoten an Kriegsopfern und Morden (Kriegsopfer werden als Prozentangaben der Bevölkerung gerechnet, Homizidraten als prozentualer Anteil von Tötungen an den Sterberaten oder als Tötungen je 100.000 Einwohner). Beide Kategorien sind problematischer als es zunächst scheint. Zählen Auseinandersetzungen zwischen Clans akephaler Gesellschaften als »Kriege«? Gilt eine Fehde zur Widervergeltung für einen Mord ihrerseits ein »Mord« (während vollzogene Todesstrafen in staatlich verfassten Gesellschaften nicht unter Morde subsumiert werden)?

[2] Wie der Staat entsteht, klärt Pinker nicht. Vgl. Teil 5.

[3] Also dem, was sein Leitphilosoph Thomas Hobbes den »Naturzustand« nannte. Pinker gibt weder eine Beschreibung dessen, was Anarchie – oder, ethnologisch gesagt: »Akephalie« – gesellschaftlich sei, noch eine Definition. Vgl. Teil 4.

[4] »Schon die Existenz einer Regierung als solche [lässt] das Ausmaß der Gewalt stark sinken – von einigen Hunderten von Morden je 100.000 Menschen pro Jahr auf wenige Dutzend.« Pinker, S. 800.

[5] Pinker, S. 101, S. 465 u.ö.

[6] Warum sie zu diesem Zweck sich gegenseitig abgrenzende und dann bekriegende Gemeinwesen schaffen, wird auf immer das Geheimnis von Thomas Hobbes bleiben.

[7] Es sei denn, sie sind als Eroberer nur an dem Land (bzw. Bodenschätzen), nicht an den Leuten interessiert. Im Fall von Ausrottungspolitik trifft Pinkers Leviathan-Theorie von der gewaltreduzierenden Wirkung des Staats sicherlich niemals zu.

[8] Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation (1939), in: ders., Gesammelte Schriften, Band 3, Amsterdam 1997.

[9] Teil 7.

[10] Zur Einführung der Kategorie des Widerstands vgl. Teil 2. Weiteres in Teil 4 und 5.

[11] Es müsste »Homizidraten« heißen, da die internationalen Statistiken nicht zwischen Mord und Todschlag unterscheiden. Statistiken für akephale Gesellschaften unterscheiden sogar oft die fahrlässige Tötung nicht (und, wie wir noch sehen werden, schon gar nicht die Tötung als Vollstreckung von Rechtsdurchsetzung).

[12] Homizidrate je 100 000 Einwohner pro Jahr. Auf welches Jahr sich die Zahl 29,7 beziehen soll, ist mir nicht klar. Die mir vorliegenden Zahlen weisen sie bis 2011 nicht aus. Zwischen 1985 und 1992 verdoppelte sich die Homizidrate. 1994 und 2002 Höhepunkte von über 30 (Lysova et al. 2012, S. 457, Fig. 29.2). 2012 lag sie bei 9,2 (UNODC 2014, S. 132).

[13] Bezieht sich eventuell auf 1994 (nationmaster.com weist für dies Jahr eine Rate von 70 aus). Die Rate 1950 -1993 lag bei 28,3 (offizielle Angabe; realistisch wäre – analog der Differenz von offizieller Angabe zu Interpolberechnung für 1995 - 2001 – vom Doppelten auszugehen), diejenige 1995 bis 2001 bei 57,2 (offiziell) bzw. 112,4 (Interpol). Eigene Berechnung nach Rob McCafferty, Murder in South Africa, o. O. 2003, S. 10. Im Jahr 2012 lag die Rate bei 31 (UNODC 2014, S. 126).

[14] Pinker, S. 146.

[15] Leviathan-Theorie ist seine Eigenbezeichnung (z.B. S. 101). Strikt genommen müsste es Leviathan-Hypothese heißen, eine Vermutung, die er empirisch erhärten möchte.

[16] Pinker, S. 465.

[17] Hier rächt sich das Fehlen jeglicher Beschreibung oder Definition von »Anarchie« bei Pinker. Vgl. Teil 4.

[18] Pinker, S. 174ff. Vgl. Teil 7.

[19] Pinker, S. 100ff. Besonders geht es um die Grafik S. 101. – Quelle Jagdlizenzen auf San (am Ende des Abschnitts): Phillipa Holden, Conservation and Human Rights: The Case Of The Khomani San (Bushmen) and the Kgalagadi Transfrontier Park, South Africa, in: Policy Matters 15, Juli 2007, S. 58.

[20] Pinker gibt zwei Quellen an, in denen sich die Zahlen jedoch nicht finden: Richard Lee, Politics, Sexual and Non-sexual, in Egalitarian Society, in: Eleanor Leacock und Richard Lee (Hg.), Politics and History in Band Societies, Cambridge 1982. Azar Gat, War in Human Civilization, Oxford 2006. Auch bei Joshua Goldstein, War and Gender, New York 2001, den Pinker ebenfalls angibt, finden sich die Zahlen nicht. Eine mögliche Quelle ist Richard Lee, The !Kung San (1979), New York 2009, S. 384. Lee hat für den Zeitraum von 1920 bis 1955 insgesamt 22 Homizide aufgelistet, die Bruce Knauft (Reconsidering Violence in Simple Human Societies, in: Current Anthropology, Nr. 28, 1987, S. 458) auf eine Rate von 41,9 hochrechnet, obwohl Lee selbst eine Rate von 29,3 angibt (Lee 1979, S. 398), also die niedrigere Rate, die Pinker für den Leviathan-Effekt ausgibt. Knauft rechnet z.B. auch zwei Morde unter den friedlichen Semai zwischen 1955 und 1977 auf 30,3 per 100.000 hoch, da es sich um eine Population von ca. 300 handelt. Niemand, der auch nur die Anfangsgründe der Statistik verstanden hat, wird bei einer Fallzahl von 2 – und dann noch verteilt über 22 Jahre – irgendeine statistische Berechnung vornehmen. Man muss genau buchstabieren, was Knauft hier aussagen: Weil bei 300 Semai im Verlauf von 22 Jahren 2 Morde stattgefunden haben, würden sie, wenn sie 100.000 wären, jedes Jahr knapp über 30 umbringen. Zudem verschweigt Kauft, dass die Semai Anfang der 1950er Jahre einem beispiellosen Massaker zum Opfer gefallen sind, bei dem kommunistische Aufständische alle ihre Ältesten liquidierten, sie hiermit traumatisierten und ihrer Sozialstruktur einen lange nachwirkenden Schaden zufügten.

[21] Richard Lee, The !Kung San (1979), New York 2009, S. 398, nach Aidan Southall, Homicide and Suicide Among the Alur, in: African Homicide and Suicide, hg. v. Paul Bohannan, Princeton 1960, S. 228.

[22] Nachdrücklich sei hier angemerkt, dass es sich bei der Kennzeichnung als »Morde« durch Pinker sowieso schon um den umgangssprachlichen Gebrauch des Begriffs handelt und darunter auch Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge gefasst wird. Richard Lee, The !Kung San (1979), New York 2009, S. 398, verweist darauf, dass durch die medizinische Versorgung von z.B. in Messerattacken Verletzten die Homizid-Statistik in den USA heruntergedrückt werde.

[23] Mehr zum Recht in der Uranarchie in Teil 4, zum Recht in der neuen Anarchie in Teil 8.

[24] Richard Lee, The !Kung San (1979), New York 2009, S. 398.

[25] »… the civil law ceasing, crimes cease: for there being no other law remaining but that of nature, there is no place for accusation«. Thomas Hobbes, Leviathan, 1651, 2:27.

[26] »due to lack of colonial interference« Bruce Knauft, Reconsidering Violence in Simple Human Societies, in: Current Anthropology, Nr. 28, 1987, S. 458.

[27] Joshua Goldstein, War and Gender, New York 2001, S. 28. Die Seite, die auch Pinker angibt, ohne weiter auf ihren Inhalt einzugehen. – Eine Rekonstruktion des Völkermords: Robert J. Gordon, Hiding in Full View: The »Forgotten« Bushman Genocides of Namibia., in: Genocide Studies and Prevention 4:1, 2009, S. 29-57. Der Autor zeigt, wie auch die deutsche Vorstellung vom »Rechtsstaat« aus den San »Vogelfreie« macht und sie zum Abschuss freigibt. Ein Kapitel aus dem dicken Buch der widerlichsten Seiten des Leviathans.

[28] Joshua Goldstein, War and Gender, New York 2001, S. 29. Zum Folgenden: »Malayan Emergency«, 1948-1960. Internierung: G. William Domhoff, Senoi Dream Theory, 2003 (online: dreamresearch.net/Library/senoi.html), Kapitel 2. Massaker durch die Kommunisten: Robert Knox Dentan, The Semai: A Non-violent People of Malaya, New York 1968, S. 58-59. Nach John D. Leary (The Malayan Communist Party and the Asal [Orang Asli], in: C.C. Chin und Karl Hack [Hg.], Dialogues With Chin Peng: New Light on the Malayan Communist Party, Singapore 2005, S. 330) wurde von den Aufständischen im Juli 1949 eine Gruppe von Semai, bestehend aus 35 Personen, getötet; nur einer überlebte. Der Autor gibt an, mit dem Überlebenden im Juli 1990 gesprochen zu haben. 1950 sei eine unbekannte Anzahl von Semai von den Aufständischen, denen Kollaboration mit den Briten vorgeworfen wurde, gefoltert und getötet worden.

[29] Pinker, S. 100.

[30] Richard Lee, The !Kung San (1979), New York 2009, S. 387 (Datierung S. 384).

[31] Susan Pfeiffer, An Exploration of Interpersonal Violence Among Holocene Foragers of Southern Africa, in: International Journal of Paleopathology, 13 (2016). S. 27-38.

[32] Pinker, S. 158.

[33] Auf ihm baute das erste bundesdeutsche Waffengesetz von 1972 auf.

[34] Sogar die »Police Federation of England and Wales« kritisierte das Waffenverbot, obwohl staatliche Sicherheitsorgane ja meist für entwaffnete Bürger eintreten, um sich Konkurrenz vom Leib zu halten. Vgl. Wolfgang Dicke, Das Waffenverbot in England: Noch nie wurde so viel geschossen wie heute, in: Deutsche Polizei 10/2001.

[35] So vom »Gun Control Network«, London.

[36] Quelle: Home Office Statistical Bulletin, Violent Crime Overview, Homicide and Gun Crime, 2006 (Autoren: Kathryn Coleman, Celia Hird und David Povey). Vgl. auch Home Office Statistical Bulletin, Homicides, Firearm Offences and Intimate Violence 2010/11: Supplementary Volume 2 to Crime in England and Wales 2010/11 (Herausgeber: Kevin Smith). Vgl. auch Peter Squires et al., 2008, Gun Crime: A Review of Evidence and Policy, London 2008 (Centre for Crime and Justice Studies).

[37] Ähnliches gilt für andere Länder. Vgl. z.B. die Vergleichsstudie von Samara McPhedran et al., Firearm Homicide in Australia, Canada, and New Zealand, Journal of Interpersonal Violence XX(X), S. 1-12, 2010.

[38] United Nations Office on Drugs and Crime, Global Study on Homicide, 2014. Die Rate 2009 der USA betrug 5,0, die Russlands 11,1. Honduras hatte eine Rate von 70,7 (bei einer niedrigen Rate legal privat besessener Waffen). Die Rate von England war 1,2. Und zum Vergleich die Rate von Deutschland: 0,8. Der globale Durchschnitt lag bei 6,9. (Es finden sich allerdings auch sehr unterschiedliche Zahlen über die Homizidraten selbst in den Ländern der ersten und zweiten Welt. Don B. Kates und Gary Mauser, Would Banning Firearms Reduce Murder and Suicide? A Review of International and Some Domestic Evidence, in: Harvard Journal of Law & Public Policy, No 2, Vol 30, 2006, versuchen, die Hintergründe dafür aufzuklären.)

[39] Katja Triebel, Können Waffenverbote und Waffenkontrollen Gewalt verhindern?, Thesenpapier vom 1. 9. 2012.

[40] Vgl. Terry L. Anderson und Peter Hill, The Not So Wild Wild West, Stanford 2004.