Murray Rothbard: Rechts oder links?

Stefan Blankertz

Gegen die Einteilung politischer Ideen und Haltungen in »links« und »rechts« scheint kein Kraut gewachsen zu sein: Sie beherrscht die Debatten auch und gerade jetzt wieder. Dabei ist vermutlich nichteinmal die Simplifizierung, die die Zweidimensionalität der Rechts-Links-Achse mit sich bringt, die treibende Kraft ihrer ungebrochenen Popularität. Schließlich könnte man sich auch andere simplifizierende Dimensionen vorstellen, etwa »konservativ« und »revolutionär«, »autoritär« und »anti-autoritär«, »kapitalistisch« und »kommunistisch«, etc. Eine besondere Anziehungskraft der Links-Rechts-Topografie vermute ich gerade hierin, dass die verwendeten Begriffe völlig inhaltsleer sind und je nach den politischen Augenblicksinteressen gefüllt werden.

Im Umkehrverhältnis zur Inhaltsleere steht dann die emotionale Aufheizung der Begriffe »Rechts« und »Links«: Nur die Rechten seien gut, die Linken seien böse. Nur die Linken seien gut, die Rechten seien böse. Um solche Heiligenlegenden aufrecht erhalten zu können, müssen freilich auf der rechten Seite Nationalsozialismus und ganz allgemein Faschismus als »links« respektive auf der linken Seite Stalinismus, Maoismus und Khmer Rouge als »rechts« apostrophiert werden. Damit entwickeln sich die Begriffe »links« und »rechts« zu Reizworten einer subkulturellen Identifizierung, die ganz ähnliche Strukturen aufweist wie die Fangemeinden allfälliger Fußballclubs.

Murray Rothbard (1926-1995) war ein Grenzgänger zwischen den kulturellen Rechts-Links-Welten. Da er gegen Ende seines Lebens mit der rechten Seite des us-amerikanischen Spektrums geliebäugelt hat, wird er sowohl von einen seiner Anhänger heute »rechts« verortet, wie auch und vor allem von seinen linken Feinden, die weiterhin versuchen, das Etikett »rechts« als ein moralisches Stigma zu verwenden,[1] das jede inhaltliche Auseinandersetzung unnötig macht. Darum ein paar klärende, eher quantitative Fakten zu Rothbards Positionierung auf der Rechts-Links-Schiene.

Zunächst jedoch eine inhaltliche Vorbemerkung: Das Kriterium für Rothbards wechselnde Bündnisse war sein Engagement gegen Krieg und in diesem Zusammenhang vor allem gegen den us-amerikanischen Imperialismus. Da er richtig davon ausging, dass jeder sich wohlfeil über die Handlungen der Regierungen anderer Länder aufregen könne, aber nur hoffen dürfe, auf diejenigen der eigenen Regierung Einfluss zu haben, war die Durchsetzung des Non-Interventionismus in der us-amerikanischen Außenpolitik das, was er realistisch anstrebte. Für dieses Ziel war er bereit, alle seine anderen Ziele hintanzustellen.

Zweifellos hat Rothbard seine politisch-kulturellen Wurzeln in der »alten (anti-autoritären) Rechten« der USA.[2] Diese hatte sich, wie er in »The Betrayal of the American Right« nachzeichnet, in den 1950er Jahren aufgelöst und war durch eine eher im europäischen Sinne konservative Rechte ersetzt worden. Ganz speziell gaben die Konservativen den kompromisslosen Antimilitarismus und Antiimperialismus der Alten Rechten auf.

In dieser Situation wandte sich Rothbard an die Rebellen der anti-autoritären Neuen Linken, die gegen den Vietnamkrieg, die Wehrpflicht und das staatliche Bildungssystem aufbegehrten. Lawrence Fertig (1898-1986), der Ludwig von Mises in den schweren Anfangsjahren seines Exils finanziell unterstützt hatte, schrieb 1968 konsterniert an Rothbards akademischen Lehrer: »Beunruhigend ist der Fall von Murray Rothbard […]. Er ist jetzt mit der Neuen Linken verbunden. Stellen Sie sich das vor! Vor kurzen ist er bei einem Komitee aufgetreten, das Castro und Kuba gutheißt. Es ist traurig, einen so brillanten Geist wie ihn auf diese Weise den Bach runter gehen zu sehen.«[3]

Neben Rothbard gab es eine Reihe weiterer Aktivisten der Alten Rechten, die an der Koalition mit der Neuen Linken beteiligt waren, so z.B. Karl Hess (1923-1994), ein Freund von und der Redenschreiber für Barry Goldwater, Leonard Liggio (1933-2014), der lange mit Rothbard zusammenarbeitete, und Samuel Edward Konkin III (1947-2004), meist eher Konkurrent von Rothbard. Auf der linken Seite fallen mir Namen ein wie z.B. Paul Goodman (1911-1972), Carl Oglesby (1935-2011), Ronald Radosh (*1937; heue Neocon) und Walter Block (*1941; Anarchokapitalist).

Anders als Leonard Liggio war Rothbard nicht nur nicht von Ronald Reagan als Präsident überzeugt, sondern stellte sich radikal gegen ihn. 1984, zur Halbzeit sozusagen, begann er eine Analyse mit folgenden klaren Worten: »Die Präsidentschaft von Ronald Wilson Reagan war ein Desaster für den Libertarismus in den Vereinigten Staaten und könnte sich noch zu einer Katastrophe für die ganze Menschheit auswachsen.«[4]

Die Rückwendung zur Rechten, die allerdings nach seiner eigenen Analyse kaum noch etwas mit der Alten Rechten zu tun hatte, zeichnete sich schon seit der Mitte der 1980er Jahre ab, nach dem Bruch mit dem »Libertarian Party Radical Caucus«. In den beginnenden 1990er Jahren rief Rothbard explizit zu einem »Rechtspopulismus« auf[5] und unterstützte Kandidaten wie den »rechten« Pat Buchanan, den »moderaten« Ross Perot, beides wirtschaftspolitische Protektionisten, und den konservativ-libertären Ron Paul. Speziell was Pat Buchanan betrifft (dessen Kandidatur Rothbard 1992 unterstützte), hat Rothbard seine positive Meinung jedoch nach der Überlieferung von Llewellyn Rockwell[6] kurz vor seinem Tod revidiert.

Werfen wir nun einen Blick auf die wichtigsten Schriften Rothbards:

  1. Man, Economy, and State, 1962.
  2. America’s Great Depression, 1963.
  3. Power and Market, 1970.
  4. The Betrayal of the American Right, 1971, 1973, 1991; posthum 2007 publiziert.
  5. For A New Liberty, 1973/78.
  6. Conceived in Liberty, 4 Bände 1975-1979.
  7. The Progressive Era, 1978-1981; posthum 2017 publiziert.
  8. The Ethics of Liberty, 1982.
  9. The Mystery of Banking, 1983.
  10. An Austrian Perspective on the History of Economic Thought, zwei Bände 1995.

Eine große Menge an Analysen und Essays erschien in Rothbards Zeitschriftenprojekten »Left and Right« (1965-1968) sowie »The Libertarian Forum« (1969-1984).

Sofort sehen wir, dass die Legende, Rothbards »linke Phase« sei eine vorübergehend transitorische, genau falsch ist. Wenn wir sie von 1965 bis 1983 (Bruch mit dem »Radical Caucus«) ansetzen, dauert sie knapp zwei Jahrzehnte, die »rechte Phase« von 1989 bis 1994 (Rothbard starb im Januar 1995) kaum fünf Jahre.[7] Die Jahre von 1983 bis 1989 zähle ich als Übergangszeit. Aus der Zeit vor 1965 ist wenig sichtbares politisches Engagement bekannt. Alle wichtigen Schriften Rothbards bis auf »Man, Economy, and State« (davor) und »History of Economic Thought« (danach) stammen aus der »linken Phase«, sowie ein Großteil seiner Essays und Analysen. Weder »Man, Economy, and State« noch die »History of Economic Thought« enthalten für die Rechts-Links-Debatte bedeutende Partien. Dagegen handelt es sich bei »For A New Liberty«, »Conceived in Liberty« und »The Ethics of Liberty« um eindeutig revolutionäre und gewiss nicht konservative Schriften. Eine der revolutionärsten Attacken Rothbards auf das System, »The BLACK Revolution« von 1967, habe ich hier gepostet.[8] Auch Ausschnitte zu Rothbards Revolutionstheorie in »Conceived in Liberty« finden sich auf der Seite des Murray Rothbard Instituts für Ideologiekritik.[9]

Fazit: Zeitlich gesehen gehört bei Rothbards politischem Engagement allenfalls ein Sechstel der in einem europäischen Sinne rechten Seite an. Vom Volumen der Schriften eher noch weniger.

 

Drei Leseproben aus »The Progressive Era« (hauptsächlich 1978-1981 geschrieben, posthum 2017 erschienen):

  1. »[Staatlich] favorisierte Gewerkschaften zu kreieren, war sowohl ein Instrument zur Kartellisierung [der Wirtschaft] als auch ein Instrument, um sich die Kooperation der Arbeiter bei der Schaffung der neuen [etatistischen] Ordnung zu sichern. Teilweise um die Immigranten einfacher anpassen[10] zu können und teilweise als Bonbon für die Gewerkschaften, wurde die Immigration während und nach dem Ersten Weltkrieg praktisch abgeschafft, angeheizt durch einen Rassismus, den die amerikanischen Sozialwissenschaftler verbreiteten.«[11]
  2. »Der Progressivismus [die Phase des massiven Aufbaus des Sozialstaats in den USA durch die Republikanische Partei unter Präsident Theodore Roosevelt Anfang des 20. Jh.] brachte den Triumph des institutionalisierten Rassismus, der Entrechtung der Schwarzen im Süden, der Begrenzung der Immigration, des Ausbaus der Gewerkschaften durch die Zentralregierung zu einem dreiteiligen starken Staat, der Großunternehmen, der großen Gewerkschaftsallianzen, der Verherrlichung militärischer Tugenden und der Wehrpflicht sowie des Drangs der USA ins Ausland. Kurz, die Progressive Ära etablierte das moderne amerikanische polit-ökonomische System.«[12]
  3. »Ein Weg, die zunehmend den Katholizismus stärkende Demografie [durch staatliche Maßnahmen] zu korrigieren, bestand in der Begrenzung der Immigration, ein anderer in der Einführung des Frauenwahlrechts. Ein dritter Weg, der oft im Namen der ›Wissenschaft‹ verfochten wurde, war Eugenik. […] Grob gesagt, lässt sich Eugenik definieren als Versuch, die Vermehrung der ›Fitten‹ zu ermutigen, die der ›Unfitten‹ dagegen zu entmutigen. Das Kriterium für ›Fitness‹ fällt oft zusammen mit der Spaltung zwischen einheimischen weißen Protestanten und im Ausland geborenen Katholiken – oder mit der Spaltung zwischen Weißen und Schwarzen. In extremen Fällen sollten die Unfitten [nach eugenischer Ansicht] zwangsweise sterilisiert werden.«[13]

 

[1] Aufgrund übertriebener und zum Teil falscher Anwendung mit denunziatorischer Absicht verliert sich allerdings zunehmend die Kraft des rechten Stigmas.

[2] Der aus europäischer Sicht »rechte« KuKluxKlan gehörte nie zur Alten Rechten der USA, die genauso abolistisch (Abschaffung der Sklaverei in jeder Form) wie dezentralistisch war.

[3] Zitiert in: Guido Hülsmann, Mises: The Last Knight of Liberalism, Auburn 2007, S. 1030.

[4] http://mises.org/library/reagan-phenomenon.

[5] Murray Rothbard, Right-Wing Populism (1992) (http://archive.lewrockwell.com/rothbard/ir/Ch5.html). In »For A New Liberty« hatte er das als »Rechtsopportunismus« abgetan (genauso wie er dort in leninscher Diktion strategisch gegen »linkes Sektierertum« argumentierte; in der deutschen Ausgabe Band 1, S. 149). Dass er nun sogar lobende Worte für den Klan-Chef David Duke fand, ist besonders problematisch. In »For A New Liberty« kennzeichnete er den Klan als den »bigottesten Abweg des amerikanischen Lebens« (deutsche Ausgabe Band 2, S. 99).

[6] http://archive.lewrockwell.com/rockwell/paleoism.html.

[7] Die Pat-Buchanan-Episode fand erst 1992 statt.

[8] http://www.murray-rothbard-institut.de/texte/die-schwarze-revolution/.

[9] http://www.murray-rothbard-institut.de/texte/murray-rothbards-revolutionaere-theorie/. Mehr zu den vier Büchern »Conceived in Liberty« in: Stefan Blankertz, Politik macht Ohnmacht: Demokratie zwischen Rechtspopulismus und Linkskonservativismus, Berlin 2017, S. 147ff.

[10] Das Wort, das Rothbard verwendet (mold), könnte auch mit »integrieren« übersetzt werden. Wohlgemerkt: Die Anpassung bzw. Integration der Immigranten durch das herrschende System bewertet er hier negativ.

[11] S. 38. Gemeint ist hier die Auffassung, dass die Immigranten (und an erster Stelle die Juden) sowohl Armut als auch Dummheit (beides wurde als erblich angesehen) nach Amerika einschleppten und aufgrund von deren höheren Vermehrungsraten die Verelendung drohe. Der Herausgeber von »The Progressive Era« schreibt, dass Rothbard im Manuskript wenig Quellen angegeben habe, die bei einer Veröffentlichung sicherlich nachgetragen worden wären. An einigen Stellen fügte der Herausgeber Quellen hinzu, an dieser nicht. Eine Möglichkeit wäre der marxistische Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould (1941-2002), den Rothbard in »For A New Liberty« zustimmend zitiert (deutsche Ausgabe, Band 1, S. 215), später als »Marxologen« veralbert: Steven Jay Gould, Der falsch vermessene Mensch (1981), Frankfurt/M. 1999, S. 246ff. Vgl. auch Zitat 3.

[12] S. 41.

[13] S. 314.