Notizen zu Ludwig von Mises »Theory and History«

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Theory and History: 

An Interpretation of Social and Economic Evolution

Erschienen 1957. Quelle: Reprint bzw. Kindle und pdf Auburn 2007 (Ludwig von Mises Institute) mit einem Vorwort von Murray Rothbard (1926-1995), neben F.A. Hayek einer der wichtigsten Schüler von Ludwig von Mises. Deutsche Ausgabe erstmals 2015, übersetzt von Helmut Krebs und herausgegeben von Rolf W. Puster (enthält das Vorwort von Murray Rothbard und eine Einleitung von Rolf Puster). In der deutschen Übersetzung wird »Evolution« mit »Entwicklung« wiedergegeben. Das ist konsequent, weil, wie sich gleich zeigen wird, »Evolution« eine falsche Assoziation auslöst (siehe unten die Diskussion des Geschichts­determinismus), zugleich aber eben auch eine Korrektur am Autor, dem durchaus bewusst sein musste, zu welch einer Assoziation das von ihm verwendete Wort führt.

 

Ludwig von Mises

Ludwig von Mises 1881-1973. Österreicher, nach 1918 wichtiger Regierungsberater vor allem in Währungsfragen. Gastprofessor in der Schweiz 1934 bis 1940, ab 1940 Exil in den USA. Die Hauptwerke:

  1. Theorie des Geldes und der Umlaufmittel (1912/1924). Habilitationsschrift.
  2. Die Gemeinwirtschaft (1922).
  3. Nationalökonomie (1940; englisch: Human Action, 1949).
  4. Theory and History (1957).

 

Geistesgeschichtliche Einordnung

Obwohl Mises ganz offensichtlich Kantianer ist, wird kann nie oder fast nie auch nur erwähnt. Dies kann nicht nur der Tatsache zugeschrieben werden, dass in den USA Immanuel Kant nicht als grundlegend liberaler Denker angesehen wird, denn (soweit ich sehe) erwähnt er ihn auch in den Schriften vor 1940 nicht.

 

Zum Stil

Der Ton in Theory and History ist (wie in manchen anderen Werken von Mises) teilweise unnötig polemisch (an anderen Stellen dagegen sehr sachlich, ruhig und logisch klar); es wird hier deutlich, inwiefern Rothbard auch in dieser Hinsicht sein Schüler ist (ganz im Gegensatz zu Hayek, der sich stets um Sachlichkeit bemühte). Die Positionen seiner Gegner beruhen teilweise auf Projektionen oder zumindest starken Vereinfachungen und gar Verzerrungen. Nur in seltenen Fällen werden sie beim Namen genannt, meist nur als Gruppe angesprochen (die Positivisten, die Marxisten etc.), ein bezeichnender Verstoß gegen seinen Individualismus, und vereinzelt findet man Zitate, die die den Gegnern in den Mund gelegten Positionen belegen. Dies macht es schwer, die Errungenschaften von Mises in diesem Werk zu würdigen und seine eigene Position überhaupt ernsthaft zu diskutieren.

 

Die Tatsache des Handels: Ausgangspunkt

Der Ausgangspunkt in Theory and History ist das zentrale Problem in Kants Sozialphilosophie: Wie kann die für ein Verständnis der Welt notwendig vorauszusetzende Kausalität allen Geschehens zugleich mit der Möglichkeit eines freien, mithin nicht bedingten (nicht ver­ursachten) Handelns gedacht werden? Mises fängt seine Argumentation damit an, indem er bestätigt, dass sowohl für das Verständnis von irgendeinem Geschehen als auch für ein sinnvolles Handeln tatsächlich Kausalität vorausgesetzt werden müsse. Wenn einer Ursache keine Folge oder keinem Geschehen eine Ursache zugeordnet werden kann, ist es weder möglich, ein Geschehen abzuschätzen oder als Folge zu verstehen, noch so zu handeln, dass die Handlung ein gewünschtes Geschehen auslöst. Nun setzt der Begriff des Handelns hier schon voraus, dass es selbst mehr ist als eine rein mechanische oder automatische Folge (Reaktion) auf eine Kausalkette. Etwas verstehen zu wollen, ist ein Sonderfall von Handeln, denn auch das rein beobachtende Verständnis setzt voraus, dass die Beobachtung des Beobachters nicht kausal bestimmt sei. Die Ursache des Beobachteten muss zwar das Beobachtete sein, aber der Beobachter darf durch es nicht beeinflusst werden. Die Antwort von Mises ist zunächst eine Paraphrase Kants: Das Handeln als eine Entscheidung setze, als selbst unbedingtes, eine neue Kausalkette in Gang.

Ich nehme einen Nagel und einen Hammer, halte den Nagel an die Wohnzimmerwand, dann schlage ich mit dem Hammer auf den Nagel, um an ihm ein Bild aufzuhängen. Das gewünschte Ergebnis, das die Ursache dieser Kausalkette bildet, besteht darin, ein Bild aufzuhängen. Diese gewünschten Ergebnisse oder Ziele heißen bei Mises »Werte« (sie entsprechen dem zweiten Hauptsatz der psychischen Dynamik von Kurt Lewin: der Gerichtetheit des Verhaltens;[1] der erste Hauptsatz – die Gegenwärtigkeit des Verhaltens – kommt dann später bei Mises auch noch). Sie sind rein subjektiv. Dennoch enthält das beschriebene Handeln noch einen zweiten Aspekt, nämlich eine Annahme darüber, mit welchem Mittel das Ergebnis zu erreichen, die Absicht zu verwirklichen sei. Diese Annahme kann falsch sein, zum Beispiel ist das Bild zu schwer, um von dem Nagel gehalten zu werden. Der Einsatz der Mittel unterliegt der Kausalität und hat objektiven Charakter. Mit dem Einsatz der Mittel beschäftigt sich die Ökonomie, wie Mises sie definiert; statt Ökonomie hat er versucht, den Begriff »Praxeologie« zu etablieren.

Handeln (eine Kausalkette beginnen) hat zwei Aspekte:

  1. Ziele (»Werte«), subjektiv. Damit ist auch der ganze Bereich von Moral gemeint. (Mit den Werten beschäftigt sich die Psychologie bzw. Thymologie [θυμός, thymos, Zorn], ein Rückgriff auf eine vorpsychologische Gemütslehre, der sich noch weniger durchsetzen konnte als sein Neologismus »Praxeologie«.)
  2. Mittel, objektiv. Die Wirkung verläuft gesetzmäßig in Analogie zu Naturgesetzen.[2] (Mit den Mitteln beschäftigt sich die Ökonomie bzw. Praxeologie.)

In der Diskussion dieses Ausgangspunktes des Handelns benutzt Mises unglücklicherweise den Begriff »Determinismus« statt »Kausalität« und erklärt, es gäbe keinen Widerspruch zwischen dem Konzept des »Determinismus« und dem des »freien Willens«. Dies ist umso miss­verständlicher, als er später den Geschichtsdeterminismus (siehe unten) scharf zurückweist.

Komplexer wird die Angelegenheit, sobald nicht nur ein Mensch der materiellen Welt – im Beispiel symbolisiert durch: Wand, Hammer und Nagel – gegenübertritt, sondern Menschen miteinander interagieren. Die Ideen der Menschen, sowohl die Werte (Ziele) als auch die Gedanken und Erfahrungen bezüglich der Mittel, beeinflussen sich laut Mises zwar, aber nicht in der Weise einer strengen Kausalität. Ein Mensch, der mit einem Ziel eines anderen Menschen oder dessen Abschätzung eines Mittels konfrontiert ist, entscheidet, wie er sich dazu verhalten will: zustimmend, ablehnend, modifizierend. Die Beschreibung der Wirkung von Ideen aufeinander klingt für mich passagenweise wie eine Vorwegnahme der Theorie der Meme von Richard Dawkins. … oder wie dialektischer Materialismus

 

Kooperation und Freiheit: Quasi-objektive Werte

Wenn Mises auch stets betont, dass die Ziele (Werte) inklusive Moral subjektiv und individuell seien, so gibt es doch zwei, denen er eine hervorgehobene Bedeutung gibt, der sozialen Kooperation und der Freiheit. (Auch diese Gedankenfigur erinnert stark an ähnliche Konstruktionen in der Argumentation bei Immanuel Kant.)

Quasi-objektive Werte (Ziele):

  1. Kooperation. Obwohl es Menschen gibt, denen nichts an Kooperation liegt, wie zum Beispiel Einsiedler, gilt für die meisten Menschen, dass sie ihre Lebensziele nicht ohne Kooperation erreichen können. Eine Entscheidung für ein Leben als Einsiedler kann auch erst erfolgen, sofern die Person in einer sozialen (also kooperativen) Situation aufgewachsen ist. Wenn alle Menschen entscheiden würden, jegliche Kooperation (Sozialität) aufzugeben, würde die Menschheit aufhören zu existieren. Insoweit zeigt die Existenz der Menschheit, dass Kooperation ein nicht unüblichen Wert für Menschen hat. – Näher untersuchen: Kooperation hat allerdings, will mir scheinen, eine unbestimmte Stellung zwischen den Aspekten »Wert« und »Mittel«. – Was den Aspekt »Mittel« betrifft, folgen aus der Kooperation die meisten »praxeologischen« (ökonomischen) Gesetze (Interaktionsgesetze), die Mises in strenger Analogie zu Naturgesetzen sieht: Sie gelten a priori. Mit Kant: Sie heben zwar mit der Erfahrung an, stammen aber nicht aus ihr. So zum Beispiel das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Immer und überall wird eine Festsetzung des Verkaufspreises unter Marktwert das Angebot, über Marktwert die Nachfrage ver­ringern. Dieses (Interaktions-) Gesetz gilt, sobald es Arbeits­teilung und Tausch gibt. – Bemerkenswert (überraschend, erstaunlich)[3] ist, dass Mises sich positiv auf Sigmund Freud bezieht (speziell »Das Unbehagen in der Kultur«, 1930): Gesellschaft (Kooperation) wird immer verlangen, dass gewisse Impulse (speziell im Bereich Sexualität und Aggression) unter­drückt. Dies ist der »Preis« der Sozialität. Daraus folgt ein dialektisches Verhältnis (Mises hätte das niemals so genannt): Zur Bedürfnisbefriedigung ist Kooperation Voraussetzung, zugleich verlangt Kooperation den Verzicht auf Bedürfnisbefriedigung.
  1. Freiheit. Freiheit gehört einerseits sicherlich zu den subjektiven Werten. Insofern sind alle Äußerungen von Mises über die Implikationen einer freien Gesellschaft einem nicht weiter inter­subjektivem Wert zuzuordnen, sodass sie diejenigen nicht überzeugen können, für die die Freiheit kein erstrebenswertes Gut ist. Andererseits kommt der Freiheit doch auch eine besondere Position zu. Eine erzwungene Kooperation hat ebenfalls einen »Preis«, das ist der Preis von Widerstreben, Täuschung, Heuchelei, darüber hinaus von Unfrieden, Gewalt, Revolution, Krieg. Die friedliche Kooperation sei, so ist Mises überzeugt, immer der bessere, weil effektivere Weg, um Ziele zu verwirklichen. Dieses Argument stößt allerdings dort an seine Grenze, wo Frieden oder das eigene Leben kein Wert darstellt. Wer den Heldentod anstrebt oder wem die »Ehre« mehr wert ist als das eigene Leben sowie das des Anderen, der wird durch das Argument nicht überzeugt (die Frage lautet allerdings, ob so jemand für irgend­ein Argument erreichbar ist).

 

Die Gegner

  1. Positivismus. Mises wendet sich gegen alle Auffassungen, die die sozialen (inklusive wirt­schaftlichen) Ent­wicklungen unabhängig von der Analyse subjektiver Werte und der auf ihnen beruhenden Handlungen (Entscheidungen) betrachten. Es gibt ihm zufolge zwar gesetzmäßig sicher abzuschätzende Folgen von Handlungen (die allerdings nicht empirisch zu ermitteln sind = Kantianischer Gesetzesbegriff), aber was geschieht, beruht auf den Entscheidungen der handelnden Personen (scharfe Zurückweisung vor allem auch des Behaviorismus).[4] Eine statistische Regelmäßigkeit in der Vergangenheit kann niemals mit Sicherheit in die Zukunft extrapoliert werden. (Ein witziges historisches Beispiel: Mises sagt, 1760 hätte jeder der Aussage zugestimmt, der Beitrag der Deutschen zu Wissenschaft und Kultur der westlichen Zivilisation sei vernachlässigbar; daraus zu schließen, dass dies auch in Zukunft so bleiben müsse, habe sich als historisch falsch er­wiesen.)
  2. Geschichtsdeterminismus. Die Annahme eines »Ziels« im Geschichtsverlauf widerspricht offen­sichtlich der Voraussetzung, mit der Mises antritt, nämlich der Entscheidung der Individuen. Der Geschichtsdeterminismus kann idealistisch auftreten wie bei Hegel oder materialistisch wie bei Marx: »Historische Notwendigkeit.« Er kann aber auch die Gestalt einer unvermeidlichen Entwicklung hin zur Freiheit annehmen (Herbert Spencer; vielleicht auch F.A. Hayek). Schließlich gibt es einen Geschichtsdeterminismus, der in Analogie zur Biologie von sozialer »Evolution« spricht im Sinne einer stetigen Höherentwicklung. Allerdings findet sich doch eine nicht eingestandene Annäherung von Mises an den Geschichtsdeterminismus. So gibt es eine Entwicklung der Sittlichkeit und eine der Kooperation, die jeweils einen gewissen Standard setzen, der nicht unterlaufen werden kann, ohne einen Rückfall in die Barbarei (um mit Adorno zu sprechen; noch so jemand, den Mises sicherlich strikt abgelehnt hätte) zu provozieren. Immerhin kann nach Mises ein solcher Rückfall stattfinden, wenn die Menschen entsprechende Entscheidungen fällen – und hat ja auch mit dem Stalinismus und mit dem National­sozialismus in der Lebenszeit von Mises stattgefunden (gegenwärtig findet er im Islamismus statt).
  3. Historismus. Der Historismus ist der eigentliche und zentrale Gegner von Mises (Methoden­streit in der Wirtschaftswissenschaft). Er bestreitet, dass es überzeitlich gültige Gesetz­mäßig­keiten des Handelns gäbe; z.B. hätte das Gesetz von Angebot und Nachfrage im Mittelalter nicht gegolten. Die Antwort von Mises fällt erstaunlich empirisch aus: Die Gültigkeit der ent­sprechenden Gesetze lässt sich nachweisen. Oder andersherum: Es lässt sich nachweisen, dass die Folgen davon, ein Handlungsgesetz zu missachten, fatal sind.
  4. Marxismus. Über den Aspekt des Geschichtsdeterminismus hinaus setzt sich Mises in Theory and History mit den zwei weiteren Aspekten des Marxismus auseinander (in Die Gemeinwirtschaft hat er sich besonders mit der [Un-] Möglichkeit des Sozialismus auseinandergesetzt): a). speziellen Gesetzen wie dem »Verelendungs­gesetz« und dem »tendenziellen Fall der Profitrate«, die sich als nichtzutreffend herausgestellt haben. Allerdings verschweigt Mises, dass auch er methodisch von Gesetzmäßigkeiten des Handelns ausgeht, zum Teil eben von anderen. Es finden sich jedoch auch interessante Über­einstimmungen (in der Geldtheorie etwa oder in Marx’ Vorbereitung der subjektiven Wertlehre, ohne die die Weiterentwicklung durch Mises vermutlich nicht möglich gewesen wäre). b). Klassenkampf. Analog zum Geschichtsdeterminismus fragt Mises, wie sich die angeblich objektiven Klasseninteressen in subjektive Entscheidungen übersetzen. Die ganze Diskussion ist ziemlich verquer, weil schon die marxistische Theorie in dieser Hinsicht nicht stringent ist, und die Antwort von Mises ist auch in sich unstimmig. Siehe unten zu den »Interessen«.
  5. Geniekult. Mises weist ebenfalls die Ansicht zurück, nach der es ausschließlich oder jedenfalls hauptsächlich »große Männer« seien, die Geschichte »machen«. Der Einfluss der Menschen auf den Geschichtsverlauf sei zwar unterschiedlich groß, jedoch trägt jeder der Beteiligten mit seinen Entscheidungen wenigstens etwas bei. (Siehe hierzu auch »öffentliche Meinung«.)

 

Der Geschichtsverlauf: Dialektik von Notwendigkeit und Kontingenz

Die Geschichte verläuft nach Mises zum einen mit absoluter Notwendigkeit. Das heißt, dass sie unter den Gegebenheiten nicht anders hätte verlaufen können; sie ist nicht zufällig. In diesem Sinne ist Geschichte determiniert. Zu den Gegebenheiten zählen allerdings ganz zentral die Entscheidungen aller beteiligten Menschen. Das heißt, dass die Geschichte dann anders verlaufen wäre, hätten sich die beteiligten Menschen bzw. einige von ihnen anders entschieden, als sie sich entschieden haben. In diesem Sinne ist Geschichte kontingent.

 

Ablehnung von »Übersummativität« – Mises schießt übers Ziel hinaus

In seiner Furcht vor Kollektivbegriffen (die er allerdings selber sehr ungeniert verwendet) kritisiert Mises jeden Begriff der Gesellschaft, der über die Summierung der einzelnen Mitglieder hinausgeht. Die Gesellschaft habe kein Wesen; das gestaltpsychologische Gesetz der Übersummativität – (»das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«) – habe keine Geltung im sozialen Bereich (Mises lässt offen, ob es im Bereich der Wahrnehmung gelte). Die Polemiken in diesem Zusammenhang entbehren leider einer jeden inneren Konsequenz.

  1. Arbeitsteilung. Der Nachdruck, den Mises auf Arbeitsteilung bzw. Kooperation als zentrales Element jeder Gesellschaft legt, zeigt, dass er von einer Übersummativität ausgehen muss. Die separierte Verausgabung von Arbeit von zehn einzelnen Individuen resultiert in einem geringeren Ergebnis, als ein kooperatives Vorgehen, in welchem jeder eine Teilaufgabe über­nimmt, für die er (relativ zu den anderen) am besten geeignet ist. Gäbe es keine Über­summativität, hätten Arbeitsteilung und Kooperation keine (ökonomische) Bedeutung.
  2. Sprache (Kultur). Von den Kulturleistungen beschäftigt sich Mises vor allem mit der Sprache. Auch in der Beschreibung der Sprache impliziert Mises die Tatsache der Übersummativität. Die Sprache ergibt sich aus den Sprechakten der einzelnen Sprecher, aber sie erschöpft sich nicht in ihnen, weil sie zugleich das Medium ist, in welchem sie sich äußern können.
  3. Sigmund Freud. Wenn sich Mises auf Freuds Theorie vom »Unbehagen in der Kultur« be­zieht, wobei die Kultur vom Einzelnen die Begrenzung des Auslebens seiner spontanen Bedürfnisse verlangt, während sie gleich­zeitig aufgrund der sozialen Bedürfnisse aller an ihr Beteiligten zustande kommt, ist die Kultur als Produkt der Übersummativität beschrieben.
  4. Öffentliche Meinung. In der Diskussion über die Auffassung, Geschichte werde durch einzelne »große Männer« gemacht, verweist Mises darauf, dass beispielsweise kein Herrscher, sei er autokratisch bestimmt oder demokratisch gewählt, gegen die »öffentliche Meinung« regieren könne. Der »öffentlichen Meinung« eignet demzufolge eine Macht, die die Summe der einzelnen schwachen Meinenden übersteigt.

Zusätzlich: 5. Gruppendruck. Obwohl er auf den Begriff der »öffentlichen Meinung« verweist, lehnt Mises merkwürdigerweise jede Beschäftigung mit der »Massenpsychologie« ab: Es gebe keine psychischen Prozesse in Gruppen, die nicht auch im Individuum nachweisbar seien. Damit scheint es so, als sei der Gruppendruck negiert. Gruppendruck könnte mit Mises so verstanden werden, dass ein Individuum entscheidet, die Kosten (Nachteile) seien zu hoch, sich gegen die homogene Meinung der anderen Mitglieder zu stellen. Doch wie kommt die homogene Meinung der anderen Mitglieder zustande? Folgendes Modell wäre konsequent individualistisch, aber entbehrt offensichtlich jeden Bezugs zur Realität: Jedes Gruppen­mitglied entscheidet separiert für sich über seine Meinung und wenn die Gruppe dann zusammentritt, stellt sich heraus, dass alle bis auf ein paar Ausnahmen zufällig zur gleichen Meinung gelangt sind. In der Beschreibung von Sprache und von der Wirkung der Ideen auf­einander hat Mises realistischer davon gesprochen, dass sich Ideen gegenseitig beeinflussen.

Zusätzlich: 6. Interessen. Ebenfalls lehnt Mises den Begriff des »Interesses« ab, der ihm offen­bar zu marxistisch belastet ist. Allerdings analysiert Mises in anderen Zusammenhängen etwa als treibende Kräfte für den Interventionismus die Sonderinteressen spezifischer Gruppen, beispielsweise der Gewerkschaft, die die Einwanderung beschränken wollen, um die Löhne hochzuhalten. Oder der Fabrikanten, die sich mit Schutzzöllen vor ausländischer Konkurrenz absichern wollen. Hier spielen gemeinsame Interessen bei Mises eine entscheidende Rolle, die die Politik und damit den Geschichtsverlauf prägen. Er geht nicht davon aus, dass jeweils alle Individuen, die zu einer solche Subgruppe wie Arbeiter oder Fabrikanten gehören, der Politik folgen, Sondervorteile auf Kosten Anderer zu erlangen; aber es sind doch genügend, um eine dementsprechende Politik auch durchzusetzen. Dies ist in gewissem Sinne eine sehr marxistische Analyse.[5]

 

Vom Nutzen und Nachteil der Geschichtsschreibung

Hat die Beschäftigung mit Geschichte nach Mises einen Sinn, der über die Bereitstellung von unter­haltsamen Geschichten hinausgeht? Mises bejaht die Frage.

  1. Aufzeigen der historischen Situation. Alles Handeln (Entscheiden) kann nur in der Gegen­wart stattfinden (Kurt Lewins erster Hauptsatz der psychischen Dynamik: Gegenwärtigkeit),[6] weil die Ent­scheidungen in der Vergangenheit schon getroffen worden und damit unveränderlich sind. Allerdings verlangt eine gute Entscheidung, dass sie möglichst viele, im besten Falle: alle Bedingungen im Auge hat, die für ihren Erfolg entscheidend sein mögen. Um zu erkennen, »was der Fall ist« (Wittgenstein), ist es oft hilf­reich, in die Vergangenheit zu schauen. Auf diese Weise erkennen wir, wie die Gegenwart geworden ist. Entscheidungen können nicht folgenlos von der »historischen Situation« absehen. Der Begriff »historische Situation« hört sich für mich übrigens ziemlich marxistisch an.
  2. Beschreibung des Handlungsraums. Die »historische Situation« schränkt den Handlungs­raum nicht so sehr ein, als dass sie ihn überhaupt erst schafft.
  3. Schaffen von Selbstbewusstsein (der westlichen Zivilisation).

Die negativen oder nachteiligen Seiten der Geschichtsschreibung sieht Mises vor allem im Historismus (siehe oben) und im Nationalismus.

Der letzte Abschnitt im Buch ist überschrieben: »Die Ungewissheit der Zukunft.« Mit keiner Geschichtsschreibung kann sie gewiss gemacht werden. Dies bedeutet aber nicht, dass wir gar keine Handhabe zur Vorhersage haben, was die Folgen bestimmter Handlungen angeht. Da es möglich ist, Interaktionsgesetze zu entdecken (und eine Reihe von ihnen entdeckt worden sind), können wir mit Sicherheit vorhersagen, was geschieht, wenn gegen sie verstoßen wird. So steht etwa fest, dass bei Lohn- und Preiskontrollen nicht der versprochene Nutzen ent­stehen wird, vorausgesetzt, dass das Ziel nicht ein ganz anderes als das öffentlich verkündete sei.

Auch an diesem Punkt ist über Mises hinauszugehen und mit Murray Rothbard den Gedanken der Ideologiekritik zu formulieren: Es ist durchaus möglich, dass die Folgen bestimmter Maß­nahmen (wie etwa der Lohn- und Preiskontrollen) im Sinne der Initiatoren sind (nämlich ihren eigenen ökonomischen Nutzen zu erhöhen), sie jedoch andere, der Allgemeinheit dienende Ziele vorgeben. Eine solche ideologiekritische Analyse findet sich bei Mises nur rudimentär und zwischen den Zeilen, weil er aus seiner Frontstellung gegen den Marxismus heraus das Konzept von Gruppen- oder Sonderinteressen (meist, nicht immer) ablehnt.

[1] Vgl. Stefan Blankertz, Kurt Lewins Kritik der Ganzheit, Berlin 2017 (edition g. 403), S. 49ff.

[2] Mein Vorschlag ist, sie Interaktionsgesetze zu nennen.

[3] Überraschend, da ich meine, dass Murray Rothbard Freud abgelehnt hat. Ich weiß gar nicht, ob er das explizit irgendwo geschrieben hat; an eine Stelle erinnere ich mich nicht, wohl aber daran, dass er mir in den 1980er-Jahren abfällig schrieb, nachdem ich ihm gestanden hatte, dass ich mich mit Theodor W. Adorno befasse, dieser sei nichts als »Marx cum Freud« (leider habe ich alle seine Briefe verloren).

[4] Wie sehr die tagespolitische Polemik Mises bisweilen an einer klaren Analyse hindert, ist etwa daran zu sehen, dass er den Behaviorismus ebenso wie den Positivismus tendenziell dem Marxismus zuordnet. Eine solche Zu­ordnung kann man nicht anders als abwegig bezeichnen.

[5] Vielleicht ist Mises nicht, wie Justin Raimondo mir sagte, »zugleich Marx und Engels der Libertären«, sondern der Hegel der Libertären: Er gehört vom Kopf auf die Füße gestellt.

[6] Kurt Lewins Kritik der Ganzheit, S. 30ff.