Ronald K. Haffner
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Freiheit
heute sitzen oder stehen wir hier, um einen Menschen zu würdigen, der sich nicht einfach in Kategorien einordnen lässt. Einen Menschen, der sich nie damit zufriedengegeben hat, bestehende Denkmuster zu übernehmen, sondern stets den Anspruch hatte, sie zu hinterfragen, zu durchdringen – und, wenn nötig, neu zu formulieren. Manche meinen, er sei als profunder Marxkenner der Linkeste unter den Freiheitlichen. Andere meinen, er sei zu nah am kommunistischen Anarchismus, da er Sympathien hegt für die Anarchisten, die eine zentrale Rolle im bewaffneten Widerstand gegen die Putschisten unter General Francisco Franco im spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 gespielt haben.
Wir sprechen über Stefan Blankertz.
Und schon an dieser Stelle merkt man: Eine klassische Laudatio wird ihm kaum gerecht. Denn was tut man, wenn man jemanden würdigt, dessen Denken sich gerade dadurch auszeichnet, dass es sich nicht würdigen lässt, ohne gleichzeitig infrage gestellt zu werden?
Vielleicht beginnt man genau dort.
Ein Denker, der nicht bequem ist
Stefan Blankertz ist kein Autor für nebenbei. Er ist kein Denker, den man konsumiert. Und er ist ganz sicher niemand, der sich darum bemüht, verstanden zu werden, indem er sich vereinfacht.
Seine Arbeit fordert. Sie fordert Aufmerksamkeit, Widerspruch, Eigenleistung.
Jeder Satz von ihm beinhaltet ein eigenes Universum. Würde Karl Marx ihn exzerpieren wollen, und Karl Marx liebte Exzerpte, wäre das Exzerpt kaum geringer als das Werk selbst.
Und genau darin liegt seine Qualität. In einer Zeit, in der vieles darauf ausgelegt ist, schnell verstanden zu werden – oder zumindest so zu wirken – steht Blankertz für das Gegenteil: für Tiefe, für Komplexität und für den Mut, Gedanken zu Ende zu denken, auch wenn sie unbequem werden.
Zwischen Philosophie, Ökonomie und Psychologie
Vorab, für diejenigen, die es nicht wissen: Stefan Blankertz ist promovierter Soziologe und habilitierter Pädagoge. Was er aber in seiner bescheidenen, introvertierten Art nicht an die große Glocke hängt, nicht einmal an eine kleine. Vielmehr ist er im Selbstverständnis Schriftsteller, oder besser „Wortmetz“, wie er augenzwinkernd selbst meint, und hilft beruflich auch seiner Frau Gabriele, die ein Institut für Gestalttherapie in Berlin betreibt.
Wer noch nie etwas von Gestalttherapie gehört hat, dem sei gesagt, dies ist auch kein Wunder, da die Gestalttherapie, bisher jedenfalls, einer staatlichen Umarmung oder gar Finanzierung erfolgreich widerstanden hat. Gestalttherapie setzt also konsequent auf Selbstzahler.
Natürlich gibt es hierzu ein Buch von ihm dazu, dass ich als kurzen Abriss der Entwicklung der Gestalttherapie der letzten ca. 100 Jahre bezeichnen würde. Der Titel des Buches: „Leb in Gesellschaft, die Deine ist“. Mit dabei das Problem Individium vs. Gemeinschaft, die Funktion von Sexualität als Methode, Menschen kennenzulernen und was ist Wahrheit und was ist Arbeit? Kleiner Fun-Fact: Auf Seite 127 gibt es einen erkenntnistheoretischen Beweis, dass die Erde keine Scheibe sein kann. In Klammern: Ob sie eine etwas wie auch immer plattgedrückte Kugel ist, ist damit aber nicht bewiesen.
Also ein Wortmetz.
Aber auch das ist fluid. Im vorgenannten Buch bezeichnet er sich selbst zusätzlich als Anarchist. Gerne verwendet er auch den Begriff „neoliberaler Kulturmarxist“, um seinen Lesern die Einordnung in Schubladen zu erschweren. Manchmal fühlt er sich als Rothbardero-Avantgardist. Immer aber geht es um Toleranz, gegen Gewalt und gegen Herrschaft.
Sein bekanntestes Werk ist sicher das „Libertäre Manifest zur Neubestimmung der Klassentheorie“. Karl Marx lässt grüßen. Das nimmt er ernst. Die herrschende Klasse ist die Enteignerklasse, also die Unproduktiven, die Vollstrecker und die Rechtfertiger. Die unterdrückte Klasse ist die Kapitalistenklasse. Und hier der wichtigste Satz:
Der Staat ist ein Ausbeutungsverhältnis.
Während Marx noch vom Herrschaftsinstrument der jeweils herrschenden Klasse sprach, geht Blankertz weiter und deckt das ökonomische Interesse dahinter auf. Es geht um Ausbeutung von Menschen durch den Menschen. Die Unproduktiven beuten die Produktiven aus. Daher ist das Manifest auch ein durch und durch ökonomisches Buch. Wir sollten es alle gelegentlich immer wieder einmal lesen.
Stefan Blankertz Werk ist umfangreich. Allein meine Bibliothek beinhaltet 50 Werke unterschiedlichster Genre.
Bleiben wir zunächst bei den politisch-soziologischen Büchern.
Nehmen wir ein Frühwerk von 1988: „Politik der neuen Toleranz – Plädoyer für eine radikalen Liberalismus“. Hier lässt Herbert Marcuse grüßen. Der Toleranzbegriff wird neu definiert. Die wichtigste Erkenntnis hier: Die metaphysische Hoffnung auf eine Identität von Mehrheit und Vernunft ist utopisch. Und mit dabei eine Analyse der politischen Ökonomie des Sozialismus, die lautet: Der Staat ist nicht dauerhaft limitier- und kontrollierbar durch das Volk. Oder wie es Murray Rothbard formulierte: Der Staat ist die einzige soziale Organisation, die ihre Einkünfte legalerweise durch Gewaltanwendung erhält. Nicht ohne Grund vertreibt Stefan Blankertz einen Teil seiner Bücher im Eigenverlag unter dem Label Rothbard-Institut für Ideologiekritik.
Ein Buch, das man eher mehrmals lesen muss, ist „Die Katastrophe der Befreiung – Faschismus und Demokratie“ in dem Stefan auf 322 Seiten den Ursachen und Mechanismen des Faschismus nachspürt. Nichts für schwache Nerven, aber mit einem Originalzitat von Dr. Joseph Goebbels aus „Der Angriff“ vom 6.12.1931. „Der Idee der NSDAP entsprechend, sind wir die deutsche Linke. […] Nichts ist uns verhasster als der rechtsstehende Bürgerblock.“
Das dritte Werk in dieser Kategorie, das ich nennen möchte, lautet „Politik macht Ohnmacht – Demokratie zwischen Rechtspopulismus und Linkskonservatismus“. Gleich zu Beginn der schwerste Vorwurf, dass sich die Liberalen Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Konservativen ins Bett gelegt haben und scheinbar die Macht hatten. Die Marxisten verbündeten sich dagegen mit den Staatssozialisten Wilhelm Liebknechts und die Anarchisten standen plötzlich ohne Koalitionäre da. Das ist bis heute so geblieben und Blankertz warnt davor, erneut in eine Falle zu tappen. Wenn die Freiheit eine Zukunft hat, dann nicht im Verein mit dem Rechtspopulismus, für den der Abbau von Bürokratie dafürsteht, dass er den Staat effizienter macht, also stärkt, sondern im Bund mit Anarchisten, Liberalen und Marxisten im Sinne des Anarchokapitalisten Karl Marx.
Bleiben wir doch gleich bei diesem am meisten geliebten und zugleich gehassten Klassiker.
Aber lassen wir Stefan hier endlich einmal selbst zu Wort kommen. – Wörtliches Zitat aus dem o.g. Werk ab Seite 309.
Als ich aufwuchs, war Karl Marx allgegenwärtig; nicht so diffus wie heute, als romantischer Hintergrund für die Kritik an Umweltzerstörung, Klimawandel, Geld und überhaupt allem Bösen, dass der Kapitalismus angeblich hervorrufe, sondern tatsächlich als Autor von konkreten Texten, die es zu lesen galt. Hierbei ist „glauben“ eine nachträgliche Vokabel. Zu jener Zeit verkündete Marx die reine wissenschaftliche Wahrheit. Noch Anfang der 1980er Jahre, als ich in Marburg promovieren wollte, stellte mein potenzieller Doktorvater fest, dass mir drei „Kapital“-Lektürekurse fehlen würden, durchgeführt von Moskautreuen DKP-Tutoren, und verweigerte mir die Zulassung, solange ich diese Kurse nicht nachhole. In Münster konnte ich dann bei einem Maoisten promovieren, wenn er auch die Nase rümpfte, ohne Marx sei eine sinnvolle Gesellschaftstheorie nicht zu formulieren. An dem Münsteraner Gymnasium, an welchem ich 1977 Abitur abgelegt hatte, gab es genau eine große Volkspartei, die KPD der Maoisten, alle anderen blieben Sekten und Splittergruppen. […] Was mir Kopfschmerzen verursachte, war Folgendes: Das anarchistische Ideal – formuliert von Max Stirner, Pierre-Joseph Proudhon und Michael Bakunin, von Fürst Pjotr Kropotkin, Benjamin R Tucker, Voltairine de Cleyre, Emma Goldmann, Gustav Landauer, Martin M. Buber, Paul Goodman u.s.w. – sah vor, dass freiwillig gebildete Gruppen selbstbestimmt, autonom handeln. Die Marxisten wiesen nun nach, dies sei nichts weiter als Kapitalismus und dass dieser Kapitalismus unweigerlich zu Monopolen und Krieg führe. Die Anarchisten boten auf jenen Vorwurf keine Antwort. Sie verstanden nichts von Ökonomie. Allerdings gab es Marxisten, die mir zusagten, etwa Herbert Marcuse und Theodor w. Adorno. Denn sie hielten den Individualismus hoch, sie kritisierten den Konformismus und Kollektivismus wie niemand sonst. Sie analysierten die notwendig repressive Struktur jenes Staats, genauso wie es die anarchistischen Klassiker getan hatten. Aber auch sie verstanden nichts von Ökonomie. Adorno äußerte sich wohlweislich nie zu ökonomischen Fragen, aber Marcuse erwähnt bisweilen, dass es einer Planwirtschaft bedürfe, um Verschwendung und andere Sünden des Kapitalismus zu vermeiden. Bereits damals fragte ich mich, wie es denn angehen könne, dass „autonome“ Gruppen in freiwilliger Kooperation einer zentralen Planwirtschaft unterworfen sind. Dann wären sie ja nicht mehr autonom, oder? […] Dann entdeckte ich 1980 in den USA Murray Rothbart und traf Justin Raimondo (heute ein Neokonservativer). Er zog eine Marihuana- Zigarette durch und erklärte mir Ludwig von Mises sei zugleich Marx und Engels der libertären Bewegung und Murray Rothbard der Prophet. […] Nun schien der olle Marx ein für alle Mal erledigt. […]
Viele Jahre tat sich nun in Bezug auf Marx nichts, bis ich mit einem ehemaligen Oppositionellen aus der DDR ins Gespräch komme. Dabei erschließt sich mir: Überzeugt vom Kommunismus sucht Marx nach der Schwachstelle im Kapitalismus. Aber er findet nichts. Das Geld ist ein Segen. Marx entdeckt, dass nicht etwa die freiwillige Kooperation, sondern Zwang, Krieg und Gewalt den Ursprung dessen charakterisieren, was „Kapitalismus“ genannt wird. Der Staat war und ist überall präsent. Für Marx ist es daher theoretisch und praktisch völlig absurd, in diesem Staat eine Möglichkeit zur Heilung zu sehen. […] Marx eigene Theorie setzt an einer anderen Stelle ein. Er analysiert den Einfluss, den der Staat auf das Wirtschaftsgeschehen nimmt. Dieser Einfluss wird von der klassischen Nationalökonomie vernachlässigt oder schöngeredet. Hiergegen sieht Marx, dass der Staat immer ein Agent der Ausbeutung ist.“
Soweit der Originaltext.
Das alles mündet im erstaunlichen Essay „Mit Marx gegen Marx – 11 x 11 Thesen“, in dem Blankertz nachweist, dass Marx sich sehr oft selbst widerlegt, oder wie Blankertz verschmitzt meint: Karl Marx argumentiert oft nicht marxistisch.
Daher im Folgenden einige freiheitliche Zitate des berühmten Klassikers.
„Die Steuer ist die Lebensquelle der Bürokratie, der Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz des ganzen Apparats der Exekutivgewalt. Starke Regierung und starke Steuer sind identisch.“
„Das Wachstum der Steuern, um dies nebenbei zu bemerken, wird zum Ruin der kleinen Bauern, Bürger und Handwerker.“
„Die Kommune beginnt die Befreiung der Arbeit – ihr großes Ziel – indem sie die unproduktive und schädliche Tätigkeit der Staatsparasiten abschafft.“
„Das Volk brauchte nur [… eine Miliz …] zu organisieren, um mit dem stehenden Heere Schluss zu machen; das ist die erste ökonomische conditio sine qua nun für alle sozialen Verbesserungen, diese Quelle von Steuern und Staatsschulden […] zu beseitigen.“
„Ganz verwerflich ist eine Volkserziehung durch den Staat. […] Vielmehr sind Regierung und Kirche gleichmäßig von jedem Einfluss auf die Schule auszuschließen.“
Damit kommen wir zum 2. Thema Blankertz,
der Bildung und Pädagogik oder wie er es nennt: Kritische Schultheorie.
Der Staat hat, um seine allumfassende Macht und Steuererhebungsmöglichkeit zu festigen, das Bildungswesen okkupiert. Blankertz beschäftigt sich daher nicht mit didaktischen Fragestellungen, sondern mit den grundlegenden Strukturen. Seine Kritik richtet sich einerseits gegen die allgemeine staatliche Schulpflicht und andererseits gegen das, wie er es nennt, allgemeine Berechtigungswesen.
Bleiben wir bei Letzterem. Da der Staat seine Prinzipien der Bürokratie auf die Bildung anwendet, ist es logisch, dass als Ausgangsergebnis von Bildungseinrichtungen weder Ethik und Moral noch die Fertigkeiten und Fähigkeiten im Fokus stehen, sondern ein Stück Papier, dass eine bestimmte Berechtigung bescheinigt. Beispiele: die Berechtigung, eine Hochschule zu absolvieren (Abitur) oder als Richter arbeiten zu dürfen (2. Juristische Staatsprüfung). Blankertz lehnt das ab und fordert statt Schulausgangsprüfungen prinzipielle Schuleingangsprüfungen, also ähnlich den Assessment-Centern der Privatindustrie. Jede Schule muss das Recht haben, sich ihre Schüler selbst aussuchen zu dürfen.
Die grundlegendste Kritik richtet sich aber gegen die allgemeine staatliche Schulpflicht, die sicherlich auch in freiheitlich gesinnten Kreisen nicht flächendeckend abgelehnt wird, zu groß ist die Angst vieler Mitbürger vor ungebildeten Menschen. In einem Kurzessay in den Freiheitsfunken bekannte Blankertz kürzlich, dass er, wenn er eine Professur erhalten hätte, sich mit den Forschungen zur privaten Finanzierung der Bildung der einfachen Kinder vor Einführung der preußischen Schulpflicht beschäftigt hätte. Das Thema ist noch unbearbeitet und harrt der Lösung. Denn, und da ist sich Blankertz sicher, eine Volksbildung ist keinesfalls nur staatlich über Steuern finanzierbar, sondern sehr wohl privat durch die Eltern.
Im Moment fokussiert sich die Analyse des Autors auf die Frage, warum die Staatsschule, auch weltweit, so erfolgreich ist. Die Antwort darauf sind 4 eng miteinander verzahnte Funktionen: 1. Bevormundung (durch den Staat), 2. Selektion und Überwälzung von Kosten (Bsp.: Hochverdiener wie Ärzte bekommen ihre extrem teure Ausbildung vom Steuerzahler bezahlt), 3. Regelung des Berufszugangs durch Berechtigungswesen (schon erwähnt) und 4. Chancengleichheit. Das letzte Argument ist am schwersten zu widerlegen. Genau hier erfordert es aber die o.g. Forschungen. Freiwillige vor!
Zwei weitere Gedanken Blankertz’ halte ich für erwähnenswert:
- Der Staat betreibt merkwürdigerweise die Abwertung seiner eigenen Berechtigungsscheine (z.B. Abitur) durch eine Inflationierung und
- Gibt es ein ganz eigenes Buch zur Systemtheorie, die sich in den letzten Jahrzehnten still und heimlich in die Pädagogik und die Sozialtherapie eingenistet hat. „Antiherrschaftlicher Widerstand ist keine Systemkategorie“ wurde 2023 veröffentlicht. Ausgangspunkt ist hier die eigentlich triviale Erkenntnis, dass Pädagogik eine wichtige Voraussetzung hat: Freiwilligkeit. Oder wie der Vater Blankertz, selbst Pädagoge, meinte: „Die Schule ist Überforderung an Sitz- und Unterforderung an Denkleistung.“ Die Systemtheorie (Vertreter z.B. Niklas Luhmann) versucht, die Bildung ganzheitlich zu betrachten, was insoweit löblich ist. Aber, und das ist die blankertzsche Kritik an dieser Theorie, die Bildung erfolgt unter Macht und Herrschaft, die von der Systemtheorie nicht gesehen wird. Die Regierung setzt durch, wann, wo und was gelernt wird und der Lehrer übt Macht gegen die Schüler aus. Was macht das nun mit der Bildung? Die Systemtheorie blendet diese Frage vollständig aus und tut so, als ob die Schulbildung ein herrschaftsfreier Raum sei. Blankertz war es ein eigenes Buch wert.
Denker, die Stefan Blankertz etwas bedeuten, neben von Mises und Rothbard, gibt es viele. Sie alle aufzuzählen, ist hier nicht der Raum. Einige jedoch sind erwähnenswert.
Thomas von Aquin – 2 Werke
- Die Nahrung der Seele – 2015
- Jede Macht ist illegal – Vom Prinzip der Führung – 2021
Blankertz hat den lateinischen Text DE REGIMINE PRINCIPUM ins Deutsche übersetzt, kommentiert und herausgegeben. Man kann es vergleichen. Linke Buchseite in Latein – rechte Buchseite in Deutsch. Mit allen Bibelzitaten, die geprüft wurden.
Blankertz findet in Thomas von Aquin einen freiheitlichen Vordenker. Hier einige seiner Gedanken aus dem Nachwort.
„Die Mönchsgemeinschaft zeichnet vor allem aus, idealtypisch freiwillig zu sein: Das Ziel der Gruppe muss mit dem jedes Einzelnen übereinstimmen. Dies ist das Volk, auf das Thomas sich bezieht. Er meint kein Staatsvolk, vielmehr freiwillige Gemeinschaften, auf welchen Prinzipien auch immer sie gründen mögen, religiöse, kulturelle, sprachliche, berufliche, freundschaftliche.“
„Solange die alleinige Führerschaft keine Gewalt ausübt und Menschen zum Gehorsam zwingt, bedarf es keiner anderen Vorsichtsmaßnahme als der Möglichkeit – dem Recht – zur Sezession. Das heißt solange es Keine Macht für Niemand – im Umkehrschluss: Alle Macht für Jeden – gibt, ist die Harmonie einer Gemeinschaft erreicht, in der das gegenseitige Miteinander ihr Konstitutionsprinzip ist, nicht das der Herrschaft.“
„Als Vorbild für das Recht auf Sezession, das Thomas implizit entwickelt, kann wiederum das Kloster gelten, der soziale Lebensraum, den Thomas wirklich kennt. Der Eintritt ist – zumindest idealtypisch – freiwillig. Bei internen Unstimmigkeiten war es verbreitet, dass Rebellen ein anderes Kloster gründeten. Noch heute bekannt ist die Neugründung durch Hildegard von Bingen, nachdem sie in ihrem Ursprungskloster gemobbt worden war.“
Pierre-Joseph Proudon – 2 Werke
- Dialektik der Demokratie 2025
- Für dezentrale Nationen – 2022
Proudon verehrt Blankertz besonders. Immerhin stammt der folgende Satz von ihm:
„Wer Sozialismus im wahren Sinne des Wortes sagt, meint damit Freiheit von Handel und Industrie, Gegenseitigkeit der Versicherung und des Kredits, Gleichgewicht und Sicherheit der Vermögen, Teilhabe des Arbeiters an den Gewinnen der Unternehmen und Unverletzlichkeit der Familie des Erbes. Die Demokratie dagegen neigt zum Kommunismus, nur per Kommunismus kann sie sich Gleichheit vorstellen.“ (Proudhon 1863.)
Dieses Zitat stellt Blankertz seinem Buch über den Gegenspieler von Karl Marx, an den Anfang. Proudhon setzte sich für eine föderale Gesellschaftsordnung ein, in der die Menschen unabhängig von zentraler Herrschaft leben. Sein Ansatz, bekannt als Mutualismus, zielte auf eine dezentrale Organisation.“ – Zentraler Kritikpunkt Proudhons ist die zentralistische Demokratie, ähnlich der Thesen Hoppes.
Einige Zitate: „Wie soll ich glauben, jemand, der von einem Podium herab zu einem zusammengewürfelten Publikum spricht, das applaudiert, könne Organ des Volkes sein?“
„Die Illusion der Demokratie rührt daher, dass sie nach dem Vorbild der konstitutionellen Monarchie vorgibt, die Regierung auf repräsentativem Wege zu organisieren.“
„Das Volk ist der Regent, aber es regiert nicht.“
„Aber egal, wie man es dreht und wendet, in jedem Wahlsystem wird es immer unberücksichtigte, ungehörte, ungültige, unbedachte oder unfreie Stimmen geben.“ Es geht bis zur grundlegenden Kritik am Mandat der Abgeordneten, da es keine Möglichkeit gibt, dem Abgeordneten direkte Abstimmungen inhaltlich vorzugeben, oder das Mandat zurückzuziehen.
Hier kommt einem fast eine scheinbar ketzerische Idee: Könnten die Gedanken Proudhons die Linken mit den Rechten versöhnen?
Kommen wir zur Psychologie
Werke dazu:
- Wilhelm Reich – Eine Analyse von Reichs Massenpsychologie des Faschismus
- Amlinger & Nachtwey – Antwort auf Zur Anatomie gekränkter Herrschaft
- Make Love not War – Sexualität und Freiheit
Letzteres ist insoweit interessant, als sich Macht & Herrschaft oft durch Unterdrückung der Sexualität auszeichnen, da Sexualität eben ein allgemeingültiges Phänomen ist. Eine Theorie und Praxis der Freiheit kommt daher ohne Bezug zur Sexualität nicht aus. Ein Buch dazu war daher überfällig.
Wilhelm Reich als ehemaliges Mitglied der KPD hat lange mit sich gerungen, bis er zu freiheitlichen Ansichten kam und darüber vermutlich krank wurde. Die Entwicklung hat Blankertz verständlich nachgezeichnet.
Das Buch von Carolin Amlinger & Oliver Nachtwey „Gekränkte Freiheit“, erschienen 2022 bei Suhrkamp, trägt den Untertitel „Aspekte des libertären Autoritarismus“. Beide sind Soziologen in Basel und versuchen, den freiheitlichen Ruf nach individueller Souveränität als eine Bedrohung für die Gesellschaft der Freien und Gleichen darzustellen, indem die libertäre Theorie angeblich gegenseitige Abhängigkeiten und eine geteilte Realität leugnen würde. Es wird dabei unterstellt, die Libertären würden gegenseitige Rücksichtnahme und gesellschaftliche Solidarität ablehnen. Der Angriff, als „libertärer Autoritarismus“ bezeichnet, muss erst genommen werden.
Und Stefan Blankertz nahm ihn unverzüglich ernst und stufte ihn als Versuch der Schaffung eines wissenschaftlichen Überbaus ein, um die Einschränkung der Meinungsfreiheit durch den Staat im Allgemeinen und durch das Bundesamt für Verfassungsschutz, Fachbereich „Delegitimierung des Staates“ im Besonderen, zu rechtfertigen. Der Hauptvorwurf besteht darin, die freiheitlichen Impulse seien in Wirklichkeit autoritär, da sie externe Autoritäten ablehnen, und daher nur die eigene Autorität akzeptieren. Dies wird verbunden mit der Behauptung, der aufgeblähte Staat, gegen den sich der libertäre Impuls richtet, sei inexistent und nur ein Hirngespinst.
Blankertz antwortet umfassend, übrigens zeitnah in 2023. Ich fasse wie folgt zusammen. Die Autoren lehnen es in ihrem Buch konsequent ab, zwischen erzwungener und freiwilliger Gesellschaft zu unterscheiden.
Kurt – Lewin – Die psychologische Sicht
- Die psychologische Situation bei Lohn & Strafe – 2020
- Kurt Lewins Kritik der Ganzheit – 2017
Für Stefan Blankertz ist das Werk von Kurt Lewin der Schlüssel für eine freiheitliche Gesellschaftstheorie. Wenn Marx/Engels/Lenin die Dreieinigkeit des Sozialismus ist, dann sind von Mises/Rothbart/Lewin die Dreieinigkeit des Libertarismus. Worum geht es bei Kurt Lewin?
Von Lewin stammt die sogenannte topologische oder auch Vektorpsychologie, zwei Begriffe, die sich nicht durchsetzen konnten. Heute wird Lewins Ansatz Feldtheorie genannt. Lewins Ziel bestand von Anfang an darin, die Psychologie auf den Boden strenger Gesetzmäßigkeiten zu stellen, d.h. den Naturgesetzen analoge Aussagen über Verhalten machen zu können.
Lewin beschäftigt sich nun mit der Logik von Lohn und Strafe. Grundgedanke: Um ein gewünschtes Verhalten zu veranlassen, muss der Lohn attraktiver sein als die Unattraktivität der Strafe. Zusätzlich muss aber Vorkehrung getroffen werden, dass nicht eine Umgehung möglich ist. Diese Vorkehrungen nennt Lewin Barrieren. Lewin wendet dies jetzt an auf die Kindererziehung. Aber es lässt sich auch auf die moderne Gesellschaft anwenden. Der Staat A möchte, dass der Steuerzahler B Steuern bezahlt. Der Lohn besteht in der relativen Ruhe, die der Staat den pünktlichen Zahlern gewährt. Die Strafe besteht in der Androhung von Gefängnis. Zusätzlich muss A noch Barrieren für B aufbauen, um einerseits Steuerhinterziehung zu verhindern als auch Flucht. Solche Barrieren sind die Steuerfahndung und die Wegzugssteuer. Leseempfehlung!
Weitere herausragende Veröffentlichungen von Stefan Blankertz sind
- Eine Geschichte des Anarchismus
- Ein Werkbuch zur libertären Theorie & Praxis
- Die Widerlegung der These von Steven Pinker, die Staatsentstehung hätte zu einer Verringerung der Gewalt zwischen Menschen geführt
- Ein umfangreiches Buch zur Asyl-, Flüchtlings- und Migrationsfrage. Kleiner Hinweis: Jede Grenzsicherung stärkt und mästet den Staat
- Ein Essay zur Akousion – Akousion geht auf Aristoteles zurück und bezeichnet „das Unfreiwillige“
- Ein Streifzug durch die Geschichte der Philosophie aus freiheitlicher Sicht
- Übersetzungen von Texten von Emma Goldmann & Gustav Landauer
- Auch die Coronazeit hat Blankertz inspiriert, in diesem Fall zu einem dystopischen Roman, der in der Zeit 2068 bis 2077 spielt.
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Was Stefan Blankertz besonders macht, ist nicht nur das, was er denkt – sondern wie er denkt.
Er bewegt sich zwischen Disziplinen, ohne sich von ihnen einschränken zu lassen.
Philosophie, Ökonomie, Psychologie, Gesellschaftstheorie – all das sind für ihn keine getrennten Bereiche, sondern Perspektiven auf ein und dieselbe Frage.
Dabei geht es ihm nie um abstrakte Systeme allein. Es geht immer auch um das Individuum. Um Freiheit.
Freiheit – nicht als Schlagwort, sondern als Konsequenz
Viele sprechen über Freiheit. Wenige denken sie konsequent zu Ende. Blankertz gehört zu denen, die das tun. Und genau das macht seine Positionen für manche so herausfordernd.
Der Mut zur Unabhängigkeit
Ein weiterer Punkt, der Stefan Blankertz auszeichnet, ist seine intellektuelle Unabhängigkeit. Er folgt keiner Mode.Er ordnet sich keiner Strömung unter.
Und er passt sich auch nicht an, um besser anzukommen. Das klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Gerade im intellektuellen Bereich gibt es oft subtilen Druck: dazugehören zu wollen, anschlussfähig zu bleiben, akzeptiert zu werden.
Blankertz geht einen anderen Weg.
Er nimmt in Kauf, nicht überall Zustimmung zu finden. Er nimmt in Kauf, missverstanden zu werden. Und er nimmt in Kauf, dass seine Positionen Reibung erzeugen. Aber genau diese Reibung ist es, die Denken erst lebendig macht.
Schreiben als Werkzeug des Denkens
Seine Texte sind kein Endprodukt – sie sind Teil eines Prozesses. Wer Stefan Blankertz liest, merkt schnell: Hier schreibt jemand nicht, um zu überzeugen. Hier schreibt jemand, um zu denken. Und dieses Denken ist sichtbar. Es entwickelt sich. Es tastet sich voran. Und Blankertz lässt uns daran teilhaben.
Einfluss – leise, aber nachhaltig
Stefan Blankertz ist kein Lautsprecher. Er ist kein jemand, der im Mittelpunkt stehen muss. Sein Einfluss ist leiser – aber dafür nachhaltiger. Er wirkt nicht durch Schlagzeilen, sondern durch Gedanken.Nicht durch Inszenierung, sondern durch Substanz. Und wer sich einmal ernsthaft mit seinen Texten auseinandergesetzt hat, merkt: Man kommt nicht einfach wieder auf denselben Stand zurück. Etwas verschiebt sich. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht vollständig. – Aber dauerhaft.
Eine ehrliche Laudatio kommt nicht ohne Kritik aus.
Und damit kommen wir zum vorletzten Thema, das aktueller nicht sein kann:
Krieg und Frieden
Zwei Werke von Stefan Blankertz sind hier zu nennen:
- Von der Sinnlosigkeit des Kriegs – Das Ernst-Jünger-Paradox – 2022
- Krieg und Frieden – Für einen kämpferischen Pazifismus – 2025
Blankertz beschäftigt die grausame Logik des Krieges. Ausgehend von Kant, der die beiden hervorstechenden Bedingungen für den Frieden herausarbeitete, dass jeder Staat die aktuellen Grenzen respektieren müsse und sich niemals in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einmischen darf. Beide Bedingungen sind logisch unabweisbar. Aber es entsteht ein moralisches Dilemma. Gilt das auch bei den Roten Khmer, die nachweislich 1,7 Millionen Menschen grausam ermordeten, was ca. 1/4tel aller Menschen Kambodschas bedeutete? Das vereinigte kommunistische Vietnam beendete das Morden mit einem militärischen Einmarsch, der einen Verstoß gegen die Kantsche Regel darstellte. Pol Pot gewähren lassen? Hitler gewähren lassen? Freilich, Stalin und Mao hat man gewähren lassen.
Auch ist klar, dass das lateinische Sprichwort „Si vis pacem, para bellum“, um den Frieden zu sichern, muss man sich auf den Krieg vorbereiten, logisch nachvollziehbar ist. Aber, die Kriegsvorbereitung stärkt und mästet den Staat. Jeder Krieg macht den Staat größer und gefährlicher.
Wie also den Krieg aus libertärer Sicht verhindern?
Im Innern, also Bürgerkriege, wäre die Zulassung von Sezessionen als Grundprinzip zu nennen. Der amerikanische Bürgerkrieg hätte nicht stattgefunden und auch der Ukrainekrieg fällt in diese Kategorie, zumindest wenn man Russland als Kolonialimperium betrachtet. Was aber, wenn die übergeordnete Macht keine Sezession erlaubt, wie zum Beispiel in Nordirland oder in Spanien? Was, wenn Bayern die Sezession wünscht? Oder Thüringen?
Hier kommt auch Blankertz an seine Grenzen. Seine Lösung eines sogenannten kämpferischen Pazifismus bleibt wage und ohne konkrete Ausgestaltung. Waffen, ja oder nein? Militärische Ausbildung, ja oder nein? Eine konkrete Antwort bleibt Blankertz schuldig.
Genug der Kritik – Es gibt auch Belletristik
Neben dem früher genannten dystopischen Roman zum Thema Gesundheitsterror gibt es historische Romane, Kurzgeschichten aus dem Punkrockmilieu, Gedichte und ein Gleichnis aus dem US-amerikanischen Sioux-Volk, übersetzt von Blankertz.
Warum wir heute hier sind
Die Frage ist also: Warum ehren wir jemanden wie Stefan Blankertz?
Nicht, weil er einfache Antworten liefert.
Nicht, weil er überall Zustimmung findet.
Wir ehren ihn, weil er etwas verkörpert, das selten geworden ist: Den ernsthaften Versuch, die Welt zu verstehen – ohne sie zu vereinfachen.
Und den Mut, dieses Verständnis auszusprechen – auch dann, wenn es nicht bequem ist.
Schlussgedanke
Wenn man versucht, Stefan Blankertz in einem Satz zusammenzufassen, wird man scheitern. Und vielleicht ist genau dies das größte Kompliment. Denn Menschen, die sich nicht in einen Satz pressen lassen, sind meist diejenigen, die etwas hinterlassen. Nicht als fertige Antworten – sondern als offene Fragen, so wie die Frage zu Krieg und Frieden. Fragen, die weiterwirken. Fragen, die zum Denken zwingen. Fragen, die bleiben.
Schließen möchte ich mit einem der wichtigsten Väter der freiheitlichen Philosophie, mit Michael Bakunin. Zwei Werke hat Stefan Blankertz dazu vorgelegt. Einerseits ein Brief von Bakunin 1872 an seinen italienischen Freund und Mitstreiter Celso Ceretti, übersetzt und kommentiert von Stefan. Und andererseits Texte, Blankertz nennt sie Flickenteppiche, von Walter Benjamin, Hugo Ball und Ricarda Huch, über Bakunin.
Und da es heute und hier vor allem um Freiheit ging und geht, hier die vielleicht radikalste Definition von Freiheit
Freiheit war für Michael Bakunin, bereits 1866 – (man beachte das Datum):
„Die Freiheit ist das absolute Recht aller erwachsenen Männer und Frauen, für ihre Handlungen keine andere Bewilligung zu suchen, als die ihres eigenen Gewissens und ihrer eigenen Vernunft, nur durch ihren eigenen Willen zu ihren Handlungen bestimmt zu werden, und folglich nur verantwortlich zu sein zunächst ihnen selbst gegenüber, dann gegenüber der Gesellschaft, der sie angehören, aber nur insoweit, als sie ihre freie Zustimmung dazu geben, ihr anzugehören.“
Sehr geehrter Herr Blankertz, lieber Stefan,
Wir danken Ihnen bzw. Dir!