Stefan Blankertz
Religion und Gesellschaft
156 Seiten
edition g. 136
[D] 12,80 €
ISBN 978-3-6957-3643-0
These: Religion bekräftigt auf eine spirituelle, über- oder vorrationale Weise Moral und Verantwortungsbewusstsein vor der Gesellschaft, was vielen Menschen Halt und Orientierung bietet. Gegenthese: Sie fördert den Gehorsam gegenüber Autoritäten, ermutigt einen Wahn, der scheinbar dazu berechtigt, im Namen der Religion Grausamkeiten zu begehen, sowie die geradezu egoistische Konzentration auf das eigene Seelenheil.
Gibt es eine Synthese? Wir werden sehen.
Meine Untersuchung der Religionen in ihrem Verhältnis zu den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen ist religionskritischer geworden, als ich es ursprünglich geplant hatte.
Das Titelbild deutet schon an, was meinen gleichsam mosaischen Zorn auslöst: Es zeigt den Mittelteil von Lucas van Leydens Triptychon «Die Anbetung des goldenen Kalbs» ( um 1530 ), Öl auf Holz, ca. 94 × 127 cm, Rijksmuseum, Amsterdam.
Über die bloß anscheinend harmlose und glückliche Szene wird das Unheil hereinbrechen. Die Menschen tanzen und feiern und haben Freude. Von links oben kommt, noch im Schatten versteckt, Mose. Er hat die beiden Tafeln mit den zehn Geboten hoch über den Kopf erhoben. Im nächsten Augenblick wird er sie zerschmettern und einen Massenmord in Gang setzen. Ja, es handelt sich um Mord, reinen Mord. Es gibt nicht die geringste Rechtfertigung für ihn, nach keinem Recht der Welt und schon gar nicht nach den zehn Geboten, unter ihnen das Tötungsverbot und das Gebot, Mutter und Vater zu ehren. Die Kinder werden die Mütter und Väter, die Mütter und Väter ihre Kinder und die Brüder einander erschlagen.
Das Gemälde Lucas van Leydens schenkt den Opfern Antlitze. Und, wohlgemerkt !, sie alle sind unbewaffnet. Der Künstler wusste, dass es sich um schrecklichen, blanken Mord handelt. In der islamischen Variante der Erzählung sind die Mörder verschleiert, damit sie nicht sehen, wen sie da umbringen. Den Opfern wird vorenthalten, dass die Täter Gesichter haben. — Der Stein des Anstoßes ist im Bild auch ganz dezent untergebracht, ein auf einem Sockel stehendes goldenes Kalb, um das die fröhlichen Menschen tanzen und das sie anstelle des angeblich einzigen und vermutlich eher bösartigen als barmherzigen Gottes anbeten.
«Der Gott des Alten Testaments ist — das kann man mit Fug und Recht behaupten — die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur.» — Richard Dawkins
«Ja, es ist das beladenste aller Menschenworte. Keines ist so besudelt, so zerfetzt worden. Gerade darum darf ich darauf nicht verzichten.» — Martin Buber