Wer war Murray N. Rothbard

Unter den Vertretern der politischen Normalität, die behaupten, die Freiheit des Marktes in wirtschaftlicher Hinsicht zu verteidigen, gilt heute als ausgemacht: Der Markt sei zwar effektiv, ethische Prinzipien wie Verantwortung, Rechtssinn, Toleranz und Mitgefühl jedoch müssten ihm von außen beigestellt werden. Geeignete staatliche Institutionen sollen diese Prinzipien sichern. Diese konservativ-liberale Auffassung stellte der amerikanische Ökonom und Politiker Murray N. Rothbard (1926-1995) in Frage: Die Freiheit des Marktes sei ein politisch-ethisches Prinzip, das sich selbst genügt.

Für Rothbard gründet die Freiheit des Marktes in der menschlichen Natur. Durch seine Ausstattung mit Denkvermögen sei der Mensch zur Eigenverantwortung bestimmt. Die Eigenverantwortung deutet Rothbard als »Selbsteigentum«: Der Mensch »gehöre« sich selbst. Konsequenterweise müsse ihm dann auch alles gehören, was er selbst schaffe, d.h. er verfüge rechtmäßig über das Produkt seiner Arbeit. Diese Argumentation unterscheidet sich noch nicht von anderen klassischen Verteidigungen der Marktfreiheit. Die Provokation besteht in Rothbards Schlussfolgerungen: Der eigenverantwortlich handelnde Mensch schaffe durch Absprachen und Verträge auf freiwilliger Basis auch alle notwendigen sozialen Einrichtungen, seien es Gerichte und Polizei oder Schulen und Kulturinstitutionen.

Der Staat dagegen ist für Rothbard immer ein Eindringling in die Freiheit. Da die Politik darauf beruhe, die Menschen eines Teils ihres Arbeitsproduktes zu berauben (»Steuern«) und ihnen Regeln aufzuzwingen, die sie nicht freiwillig annehmen (»Gesetze«), kann der Staat nach Rothbards ethischer Auffassung nicht rechtmäßig sein. Rothbard baute den Liberalismus, der den Staat so »klein« wie möglich zu halten beabsichtigt, zum Anarchismus aus. Dabei versteht Rothbard unter »Anarchie« jedoch nicht Recht- und Zügellosigkeit. Seine Anarchie ist wehrhaft. Aber die Institutionen, die etwa das Eigentum schützen, müssen Rothbard zufolge selbst dem Kriterium der Freiheit genügen, also freiwillig zustande kommen.

Während Rothbards Thesen im deutschsprachigen Raum immer noch absonderlich klingen, gehört er doch zu einer geistigen Bewegung, die in den angelsächsischen Ländern seit vielen Jahren Furore macht. Diese Bewegung nennt sich »Libertarianism« (um nicht mit der heutigen sozialdemokratischen respektive konservativen Verwässerung des Liberalismus verwechselt zu werden).

Rothbard hat diese Bewegung mitbegründet. Als marktwirtschaftlicher Ökonom näherte er sich in den 1960er Jahren der linken Kritik am Vietnamkrieg, an Missachtung der Bürgerrechte, an Drogenprohibition usw. an. Es gelang ihm, einem Teil der »neuen Linken« klar zu machen, dass nicht der Marxismus, sondern der Liberalismus antiautoritär sei. Die amerikanischen Konservativen (»alte Rechte«) entfernten sich in ihrer Mehrheit dagegen von den klassischen Grundsätzen und wandten sich dem religiösen Fundamentalismus (»neue Rechte«) zu. Das brachte den Kreis um Rothbard dazu, eine neue politische Heimat »jenseits von Rechts und Links« aufzubauen.

Murray N. Rothbard wurde 1926 in eine Familie armer, ostjüdischer Immigranten in New York geboren. Sein Studium finanzierte er durch Arbeit und mit Stipendien aus privater Begabtenförderung. Während seine reichen Kommilitonen meist Sozialisten oder Kommunisten waren, wurde er zum Republikaner. Jedoch zog es ihn von Beginn an zu der anti-militaristischen und staats-skeptischen Ausprägung des auf Jefferson (1743-1826) zurückgehenden Republikanismus der Dichterin Ayn Rand (1905-1982) und des Essayisten Albert Jay Nock (1870-1945). Als russische Exilantin lehnte Ayn Rand jede Öffnung nach »links« zeitlebens strikt ab. In den 1950er und 1960er Jahren bemerkten allerdings einige der politisch aktivsten Mitglieder ihres Kreises, unter ihnen Murray Rothbard, mehr oder weniger erstaunt, dass es über die Feindschaft gegen Rassismus und Imperialismus Gemeinsamkeiten mit bestimmten linken Kräften gab. Albert Jay Nock dagegen hatte weniger Berührungsprobleme, stützte er seine Staatskritik doch stark auf den deutschen Soziologen Franz Oppenheimer (1864-1943), der sich als »liberaler Sozialist« bezeichnete.

Akademisch schloss sich Rothbard als Schüler dem österreichisch-jüdischen Ökonomen Ludwig von Mises (1881-1973) an, der führend unter den Anti-Keynsianern und Anti- (Staats-) Sozialisten war und in den 1930er Jahren vor den Nazis nach Amerika emigrierte. Begründete schon die Position der Ablehnung jeglicher staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft durch Mises eine extreme Außenseiterstellung, machte Rothbards Weiterentwicklung in Richtung auf konsequenten Anarchismus ihn zunächst völlig unmöglich in der Welt der Intellektuellen. Erst in der Zeit des Vietnam-Kriegs akzeptierten ihn linke Akademiker aufgrund seiner kompromisslosen Kritik an der interventionistischen US-Außenpolitik, und so fand er eine Anstellung am Brooklin Polytechnic Institute. Es ergab sich eine Zusammenarbeit mit einigen wichtigen Denkern und Aktivisten der linken Szene wie Paul Goodman (Anarchist), Walter Block (SDS) und Ronald Radosh (damals Sozialist, heute Neocon). Infolge dieser Zusammenarbeit lösten sich anti-autoritäre und anti-militaristische Teile sowohl aus rechten wie aus linken Organisationen, um dann »jenseits von rechts und links« das »Libertarian Movement« mit zahlreichen Fraktionen, Organisationen, Parteien, Zeitungen, Instituten zu bilden.

Das erste größere Werk, mit dem Rothbard an die Öffentlichkeit trat, ist das zweibändige »Man, Economy, and State« (1962), eine Grundlegung theoretischer Ökonomie. Zusammen mit »Power and Market« (1970) – eine ökonomische Analyse politischer Herrschaft – und »The Mystery of Banking« (1983) – eine politische Analyse ökonomischer Bank- und Währungsmanipulationen – als gleichsam drittem und viertem Band ist es die erste und einzige vollständige und konsequente Entfaltung der »österreichischen Schule der Ökonomie« (austrian economics), die Carl Menger (1840-1921) begründete und Ludwig von Mises entscheidend weiterentwickelte.

In »Man, Economy, and State« erklärt Rothbard die Entstehung von Preisen, Kapital und Geld durch freiwillige Handlungen, deren Struktur er »Markt« nennt. Alle staatlichen Eingriffe in das Marktgeschehen – Interventionen – weist er als ineffizient und unmoralisch zurück. Eine historische Illustration seiner Thesen gibt Rothbard mit der minutiösen Analyse der amerikanischen Depression der 1930er Jahre, »America’s Great Depression« (1963), und mit seiner Doktorarbeit über den Bankenkrach von 1819, »The Panic of 1819« (1962). Die politischen Konsequenzen aus seiner ökonomischen Position zog Rothbard in dem Buch »For A New Liberty« (1973/1978 | edition g. 102 und 103). Die Forderung nach freiem Markt wird auf Gebiete ausgeweitet, die selten in den Blick selbst exponierter Vertreter marktwirtschaftlicher Theorien kommen: Erziehung, Verkehrswesen, Polizei, Gerichte, Ökologie und Verteidigung. Nicht bloß utilitaristisch-ökonomisch mit Effizienz begründet er diese Forderung, sondern er gibt ihr darüber hinaus eine moralphilosophische Grundlage, die den unbedingten Vorrang freier individueller Entscheidungen herausstellt. Diese

in der Tradition des Natur- und Vernunftrechts wurzelnde

moralphilosophische Grundlage diskutierte Rothbard ausführlich in »The Ethics of Liberty« (1982; dt. 1999). Der politischen Tradition seiner Position spürte Rothbard in »Conceived in Liberty« (1975ff) nach. Es handelt sich um eine mehrbändige, nicht abgeschlossene Geschichte der amerikanischen Revolution. Zur Erkenntnistheorie sind die Abhandlungen »Praxeology: The Methodology of Austrian Economics« (1976) und »Individualism and the Philosophy of the Social Sciences« (1979) bemerkenswert. Rothbard folgt anders als sein Lehrer Ludwig von Mises, der Kantianer war, sowohl erkenntnistheoretisch als auch moralphilosophisch mehr Thomas von Aquin.

Alle Schriften Rothbards durchzieht ein Gedanke: jeden realen oder gedachten gesellschaftlichen Zustand genealogisch bis zu dem Punkt zurückzuverfolgen, an dem deutlich wird, ob er aufgrund freiwilliger individueller Entscheidungen oder durch Zwangseinwirkung zustande kam und aufrecht erhalten wird. Unter Zwang (coercion) versteht Rothbard dabei immer und ausschließlich Gewalt bzw. Androhung von Gewalt. »Strukturelle Gewalt« entsteht, wenn

Institutionen als Bedingung ihrer Möglichkeit organisierte Gewaltandrohung benötigen, ohne im eigenen Namen die Drohung auszusprechen. Die Finanzbehörde etwa kann Steuern nur aufgrund der Drohung einziehen, im Falle der Zahlungsverweigerung polizeiliche Gewalt zu aktivieren. Denn Steuern sind keine freiwilligen Beiträge. Oder: Die Schulpflicht ist angewiesen auf die Möglichkeit der Erzwingung von Schulbesuch, denn sonst wäre der Schulbesuch freiwillig. Die Gewalt gibt der so organisierten Gesellschaft ihre Struktur, auch wenn aktuell Gewalt nicht in großem Umfange eingesetzt wird. Aus Freiwilligkeit ergäbe sich

eine andere Sozialstruktur.

Der aus Freiwilligkeit resultierende Zustand (Markt) findet unabhängig von Rothbards persönlicher Wertschätzung, die nur selten überhaupt sichtbar wird, Zustimmung, während der gewaltsam erzwungene Zustand (Staat) auf jeden Fall abgelehnt wird. Beispiel: Rothbard liebte die klassische Musik und fand (wie Paul Goodman) Popmusik grauenhaft; er lehnte aber nicht nur jede Zensur der Popmusik, wie sie in den USA von religiösen Fanatikern häufig und sehr militant gefordert wird, ab, sondern auch die Subventionierung der von ihm bevorzugten Musikrichtung.

Rothbard analysiert alle Aspekte der sozialen Wirklichkeit, also auch alles, was mit Erziehung und privatem wie öffentlichem Bildungswesen zu tun hat, indem er sie auf zwei Kategorien zurückführt, nämlich auf »freiwillige Handlung« (voluntary action) einerseits und auf Zwang/Gewalt (coercion) andererseits. Die aus freiwilligen Handlungen

resultierende gesellschaftliche Struktur heißt bei Rothbard »freiwilliger Austausch« (voluntary exchange) oder eben »Markt«, in die Zwang/Gewalt »interveniert«. Die Möglichkeiten, Bedürfnisbefriedigung zu organisieren, bezeichnet er nach Franz Oppenheimer im Rahmen des Marktes als »ökonomische Mittel«, im Rahmen von Interventionen als »politische Mittel«. Die ökonomischen Mittel zielen in Rothbards an Albert Jay Nock anknüpfende Terminologie auf »social power«, das sind »die produktiven Folgen der freiwilligen Interaktion zwischen Menschen«; während die politischen Mittel auf »Herrschaft« (political power) zielen, das ist die Aneignung fremder Arbeitsleistungen und Kontrolle über fremdes Leben.

Die freiwillige Handlung darf in jedem Falle die eigene Person und deren legitim – (d.h. aufgrund freiwilligen Austauschs oder aufgrund von Aneignung durch Bearbeitung) – erworbenes Eigentum einbeziehen, bloß im Falle einer Zustimmung aber sich auf fremdes Eigentum und auf fremde Personen erstrecken. Dass jede Person mit sich (und ihrem Eigentum) machen darf, was sie will, nennt Rothbard das Prinzip des »Selbsteigentums« (self-ownership); ein Begriff, der in etwa dem deutschen, jedoch ziemlich unbestimmten Ausdruck »Selbstbestimmung« entspricht.

Rothbards akademische Leistungen auf dem Gebiet der ökonomischen und politischen Theorie sind inzwischen unumstritten. Als politischer Aktivist bleibt er die umstrittene Integrationsfigur des angelsächsischen – und zunehmend auch des lateinamerikanischen – Anarchismus.

(Aus: Stefan Blankertz, Minimalinvasiv, S. 143ff.)