Pierre-Joseph Proudhon: Für eine dezentrale Nation

Thomas von Aquin

Pierre-Joseph Proudhon

Für dezentrale Nationen

übertragen, kommentiert und herausgegeben von Stefan Blankertz

edition g. 122

168 S., 8 farbige Abbildungen

10,00 €

ISBN 978-3-7557-0769-1

 

Zentralisierung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen erscheint heute wie ein Naturgesetz. Dass sie das nicht ist, zeigt die Analyse etwa der italienischen Einigungsbewegung, die Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) als Zeitgenosse vorgelegt hat. Der Band enthält drei bisher nicht ins Deutsche übertragene Essays von Proudhon aus den Jahren 1862 bis 1864. Proudhon zeigt auf, dass das Ideal der Zentralisierung nach dem Vorbild Frankreichs (damals die führende europäische Macht) falsch und gegen das Wohlergehen der Bevölkerung, gegen ihr Streben nach Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit gerichtet sei. Der bessere Weg wäre auch die Auflösung der «falschen Einheit» die Staatsgewalt und Krieg den großen Nationen abgenötigt habe. Wie viel Leid und Krieg wäre der Welt erspart geblieben, hätte man damals auf Proudhon gehört. Und für die Zukunft eine Warnung: Hände weg von den Visionen eines Welteinheitsstaats! Denn «Einheit ist moderne Knechtschaft, machtrationale, gegenseitige, verfassungsgemäße Knechtschaft», wie Proudhon schrieb.

Pierre-Joseph Proudhon (1809 bis 1865), französischer Revolutionär, «Vater des Anarchismus», Konkurrent von Karl Marx, was den Einfluss auf die europäischer Arbeiterbewegung betrifft: Sollte die Revolution freiheitlich sein oder diktatorisch? Sollte sie die Staatsgewalt zentralisieren oder dezentralisieren? Sollte sie Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben, oder ihnen die Chance eröffnen, selber herauszufinden, was sie wollen? Proudhons drei hier erstmals auf deutsch übersetzte und edierte Essays aus den Jahren 1862 und 1864 behandeln am Beispiel der Einigungsbewegung Italiens seine Kritik am Zentralismus und seine Alternative: Föderalismus. Aktueller denn je.

«Ich beuge mich den Prinzipien der Nation und der Familie: Gerade deshalb protestiere ich gegen die großen politischen Einheiten, die mir nichts anderes zu sein scheinen als die Konfiskationen von Nationalitäten.»

«Die Einheit [Italiens] wäre Denaturierung eines ganzen Landes, die Entnationalisierung von zehn Völkern; sie wäre die willkürliche Umwandlung von fünfundzwanzig Millionen Seelen, ungeachtet des Bodens, der Rassen und der Ideen.»

«Die Föderation Italiens, durch einen Kaiser vorgeschlagen und verteidigt, war ein Glücksfall für die Freiheit ganz Europas. Noch nie zuvor hatte die Konterrevolution den Republikanern ein so gutes Geschäft beschert. Ein föderales Italien mit verfassungsmäßiger Freiheit allüberall, das war die wahre Verwirklichung des Grundsatzes ‹Union verleiht Stärke›. Kein Grund mehr für Eifersüchteleien zwischen den Städten, für Rebellionen, für Bürgerkriege. […] Italien mit seinen Königen, seinen Fürsten, seinem Kaiser und seinem Papst war dabei, ohne Anstrengung in den Besitz seiner selbst zu gelangen und so seine wahre Existenz zu beginnen. Ein Vorbild für die Menschen in Österreich! Eine Idee, die der französischen Nation präsentiert wurde! Welche Kraft der Revolution! Aber für die Staatsmänner jenseits der Berge zu simpel, zu direkt, zu bedrohlich: Es scheint besser, den Umweg zu nehmen. Aber wie soll das gehen? […] Man beginnt damit, ein einheitliches Italien zu schaffen, als die angeblich einzige Möglichkeit, ihm Leben einzuhauchen! Können wir nicht sehen, dass Österreich, seit Italien die Einheit anstrebt, ohne sie erreichen zu können, die eigene Einheit wiederherstellt? Kann das sein? Wir appellieren an die Nationen, und das erste, was wir aus der Unabhängigkeit machen, ist, sie zu verschlingen: Neapolitaner, Romagnoli, Toskaner, Lombarden gelten in Italien weniger als Ungarn, Böhmen, Kroaten in Österreich! Widersprüche, Spott.»

«Die industrielle und merkantile Zentralisierung folgt zwangsläufig der politischen Zentralisierung. Sie ist mit Freiheit, Billigkeit und Reichtum unvereinbar. In je mehr Souveränitäten ein Volk sich aufteilt, desto wahrscheinlicher wird es, dass Eigentum und Einkünfte sich geringer konzentrieren; Arbeit und Dienstleistungen, Grund und Boden und Steuern werden desto gleichmäßiger verteilt, je weiter die Regierung sich einer vernünftigen Anarchie nähert.»

«Es heißt: Rom gehört den Italienern. Ich antworte, dass Rom den Römern gehört, genau wie Neapel den Neapolitanern und genau wie Paris den Parisern; dass die Italiener, wie die Franzosen, eine Abstraktion sind; dass es zwar gegenwärtig eine große politische Agglomeration namens Frankreich gibt, dass dies aber keinen Grund abgibt, ihr ein Spiegelbild jenseits der Alpen zu schaffen; im Gegenteil.»

«Vergeudung und Defizit, Willkür, Heuchelei, subalterne Tyrannei, Aufruhr, Massaker, Ruin, das ist es, was Italien in den letzten vier Jahren erleben musste aufgrund dieser ­Politik der Einheit, die seit 1820 von Mazzini vertreten, von Cavour und seinen Nachfolgern heimlich wieder auf­gegriffen und in Frankreich von einer gewissenlosen Presse unterstützt wurde. Ein Landsmann Mazzinis sagte über ihn, er habe in seinem ganzen Leben nur zwei Dinge zu tun gewusst: den Reichen Geld und dem Volk Blut abzuzapfen, und beides sei nie zurückerstattet worden.»

«Zwei Dinge bestimmen die Bildung großer Staaten: territoriale Abhängigkeit oder Eroberung; eine Notwendigkeit der Natur, die jedoch nicht unüberwindbar ist, oder die Kraft der Waffen. Was die politische Vernunft betrifft, so lehnt sie eine solche Ansammlung aller Macht ab.»