»Die 1968er«: Eine kritische Würdigung

Bekenntnisse eines Kulturmarxisten

 

1968: Einige Eckdaten

2018: 50 Jahre 1968. Für die einen ein Datum, das positiv den Aufbruch in eine Schöne Neue Welt der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für Alles und für jede Gelegen­heit markiert, für die anderen ein Datum, das den Niedergang der Guten Alten Zeit kennzeichnet. Ich weiß nicht, welche der beiden Verklärungen der Vergangenheit aus meiner Sicht weiter von »den ’68ern« entfernt ist. Ich erinnere an drei Ereignisse: Paris, Mai 1968. Chicago, August 1968. Kaufhausbrand Frankfurt am Main, April 1968.

Paris, Mai 1968. Vor allem die eskalierenden Proteste der Neuen Linken in Paris sind es, die dazu führen, dass wir heute von »den ’68ern« sprechen. In der Bundesrepublik Deutschland hatte das entscheidende Ereignis bereits am 2. Juni 1967 stattgefunden, als bei einem Protest gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin ein Student durch einen Polizisten erschossen wurde. Heute wissen wir, dass der Schütze ein Agent der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik gewesen ist;[1] gleichwohl ist weiterhin ungeklärt, ob er »auftragsgemäß« oder im eigenen Ermessen schoss, um die Bundesrepublik zu destabilisieren. In den USA gibt es Höhepunkte der Proteste der Neuen Linken bereits Anfang der 1960er Jahre. In Frankreich wird die Lage 1968 derart brenzlig, dass es so aussieht, als würde nicht nur die Regierung von General de Gaulle,[2] sondern zugleich die Fünfte Republik gestützt.[3] Dass sich Charles de Gaulle zu halten und die Fünfte Republik zu retten vermag, liegt zu einem nicht unwesentlichen Teil daran, dass ein großer Teil der Protestierenden und ihrer neu-linken Führung gar keine Idee von der Eroberung der Staatsgewalt hat.[4] Das ist machtpolitisch ein Nachteil, jedoch ein wichtiger Hinweis für die tiefe Fremdheit der ’68-Bewegung gegenüber dem staats­politischen Spiel. In Deutschland debattiert die Neue Linken erbittert um die Frage, ob »alternative Projekte« überhaupt »Staatsknete« annehmen sollten, da zugleich mit ihr die Abhängigkeit einhergehe. Meist setzt sich die Staatsknete durch, sicherlich, dennoch ist eine solche Debatte charakteristisch. Der übel beleumundete »Lange Marsch[5] durch die Institutionen«, mit dem die Strategie der Neuen Linken bezeichnet wird, das System »von innen heraus« zu unterwandern, richtet sich dezidiert gegen die Strategie der »Alternativen«, die jenseits vom Staat eigene Strukturen aufbauen wollen. Daniel Cohn-Bendit[6] steht wie kein anderer für die personelle Kontinuität der ’68er zu den heutigen grünen Etatisten. 1968 war er, kaum Mitte 20, eine Identifikationsfigur der Proteste in Paris. Damals hatte er die Tradition des Anarchismus gegen das in Stellung gebracht, was er mit seinem Bruder die »Alterskrankheit des Kommunismus« nannte, worunter sie vor allem Zentralismus und Bürokratie verstanden.[7] Heute hilft er in Brüssel beim Auf- und Ausbau der EUdSSR. Inwieweit ist das Kontinuität, inwieweit ist das Bruch? Es ist gewissermaßen beides. Er selber erblickt die Kontinuität im Kampf für eine in seinen Augen gerechte Gesellschaft, in der durch gemeinsame, demokratische Beschlüsse Alles zum Rechten des Einzelnen gerichtet wird, solange er sich innerhalb des Konsenses bewegt. Abweichler werden ausgegrenzt und zum Gegenstand von Repression. Insofern schon verstößt er gegen das ’68er-Ideal des Nonkonformismus. Und selbstredend verstößt er mit seinem Engagement in Brüssel gegen das ’68er-Ideal der Selbst­bestimmung und der Selbstorganisation.

Chicago, August 1968. Beim Parteitag der Demokratischen Partei kommt es zu Massen­protesten der Neuen Linken. Die Nationalgarde ist alarmiert, unter anderem, weil Hippies angekündigt haben, das Trinkwasser mit LSD zu versetzen. Die Hippies rufen Pigasus, das Schwein, zu ihrem Kandidaten aus und planen, ihn am Ende ihres alternativen Parteitags auf der Straße zu grillen und gemeinsam zu verzehren. Der Kandidat Pigasus wird zuvor von der Polizei in Gewahrsam genommen. Die Proteste richten sich, wie gesagt, gegen die Demokratische Partei. Während der ganzen Zeit der Protestbewegung herrschen Präsidenten der Demokraten, zunächst John F. Kennedy[8] und nach ihm Lyndon B. Johnson.[9] Sowohl der Vietnamkrieg als auch der Ausbau des bürokratischen Wohlfahrtsstaats zur »great society«, wie Johnson es nennt, geben den Anlass zu den Protesten. Sicherlich sind die Protestierenden nicht glücklich darüber, dass dann Richard Nixon[10] Präsident wird. Anfänglich weitet er den Vietnamkrieg sogar gnadenlos aus und bereitet auf diese Weise den Sieg der Roten Khmer in Kambodscha vor, allerdings beendet er ihn dann auch. Die Wirtschaft ruiniert er mit Lohn- und Preiskontrollen. Das ist kein Grund für die damaligen Neuen Linken, die Demokratische Partei als das »kleinere Übel« zu unterstützen. Es ist völlig abwegig, etwa Hilary Clinton mit ihrer wohlfahrtsbürokratischen und Kriegsrhetorik als Erbin der ’68 zu bezeichnen.

Frankfurt am Main, April 1968. Am 22. Mai 1967 brannte in Brüssel ein Kaufhaus, weit über 300 Menschen starben. Trotzdem bis heute nicht endgültig geklärt ist, ob es sich um Brandstiftung oder um einen Unfall handelte, verbreitete die legendäre neu-linke Berliner »Kommune 1« ein Flugblatt zu dem Brand, in dem unter anderem Folgendes stand: »Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen. […] | Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht. Genauso wenig wie beim Überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China. Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: Burn, warehouse, burn!«[11] Die menschenverachtende Diktion hat mich erschreckt, als ich im Zuge der Recherche für mein Theaterstück »’68 ist 50: Happening mit 12 Gesängen«[12] hierauf stieß. Es wird Anklage gegen die Autoren des Flugblatts erhoben. Die linksliberale Presse verteidigte sie gegen die Anklage wegen Aufrufs zur Brandstiftung, es handele sich um »Satire«. Geschmacklose Satire, möchte ich hinzufügen. Dass es sich nicht um Satire handelte, zeigte sich kaum ein Jahr später, als Andreas Baader[13] und Genoss_innen an 02. April 1968 in Frankfurt am Main ein Kaufhaus anzünden. Glücklicherweise kommt hierbei niemand ums Leben.

So sehr ich die menschenverachtende Diktion des neu-linken Flugblatts der Kommune 1 zum fatalen Kaufhausbrand in Brüssel ablehne – es gibt heute ungeahnte Parallelen, die aufhorchen lassen. Wenn zum Beispiel bei einer sogenannten rechtspopulistischen Demonstration Galgen mitgeführt und gewissen Politikern zugedacht werden, zetern die vermeintlichen Nachfahren der ’68er, während die, die den ’68ern Kulturzerfall, Menschenverachtung und anderes mehr vorwerfen, die freie Meinungsäußerung verteidigen und auf dem Motto bestehen »Satire darf alles«, auch geschmacklos und menschenverachtend sein.[14] Wer nun ist wirklich der Nachfahre der ’68er?

 

Kulturmarxismus

Unter denen, die heute das Erbe »der ’68er« anklagen, hat sich der Begriff »Kultur­marxismus« zur Kennzeichnung für ihre verhängnisvolle Wirkung auf die Gesellschaft etabliert. Der Begriff »Kulturmarxismus« entsteht in einer ganz bestimmten Situation der us-amerikanischen Geschichte. Die »Rechte« hatte, wie Murray Rothbard analysierte,[15] die alten Werte der USA, die einzigartige Kombination persönlicher und wirtschaftlicher Freiheiten, »verraten« und ihren Frieden mit dem Staat gemacht, ja ihn geradezu vergöttert. In dieser Situation werden für die kulturellen und wirtschaftlichen Probleme nicht mehr die Prinzipien des Staats verantwortlich gemacht, sondern sinistere Kräfte, die den Staat okkupiert hätten und eigentlich bestrebt seien, ihn zu zerstören. Als diese Kräfte identifiziert man nun die Kritiker des Staats, vor denen man den Staat retten müsse. Da der Marxismus in seiner real existierenden Form so eindeutig den totalitären Staat bevorzugt hatte, muss ein anderer Begriff für den neuen Feind herhalten – und das ist dann eben »Kulturmarxismus«.[16]

Wie kommt die Kultur zum Marxismus? Ab den 1930er Jahren (vor allem aber dann massiv in den 1960er Jahren) widmen sich marxistische Theoretiker auch stärker kulturellen Fragen. Antonio Gramsci[17] erdenkt in seinen »Gefängnisheften« der 1930er Jahre[18] die Vorstellung von einer kulturellen »Hegemonie«, die die herrschende Klasse in der Gesellschaft errichte. Ab den 1940er Jahren spürt Theodor W. Adorno[19] dem »Opiat des Kollektivismus«[20] nach, das sich sowohl in der Hoch- wie der Unterhaltungs­kultur ausdrücke. Mitte der 1960er Jahre prägt Herbert Marcuse[21] den Begriff der »repressiven Toleranz«, mit dem das herrschende System sich unangreifbar macht.

Von seinen Gegnern wird dem Kulturmarxismus unter anderem die Absicht unter­stellt, die Familie und das bürgerliche Leben »zersetzen« zu wollen. Zitat Theodor W. Adorno. »Die heraufziehende kollektivistische Ordnung ist der Hohn auf die ohne Klasse. Im Bürger liquidiert sie zugleich die Utopie, die einmal von der Liebe der Mutter zehrte.«[22] Bemerkenswert ist hier, dass der »Bürger«[23] und die »Liebe der Mutter« für die Utopie stehen. In seinem wohl berühmtesten Essay mit dem zum geflügelten Wort gewordenen Titel »Erziehung nach Auschwitz« von 1966 bekräftigt Adorno, dass es kein über der Familie stehendes Recht des Kollektivs, des Staats gebe: »Indem man das Recht des Staates über das seiner Angehörigen stellt, ist das Grauen potentiell schon gesetzt.«[24]

Und nun zu Herbert Marcuse. Seinen einflussreichsten Essay mit dem Titel »Repressive Toleranz«[25] heute zu lesen, ist ein Erlebnis besonderer Art. Über weite Strecken liest er sich, als sei er neulich geschrieben von einem Kritiker der politischen Korrektheit. »Wenn Toleranz in erster Linie dem Schutz und der Erhaltung einer repressiven Gesellschaft dient, wenn sie dazu herhält, die Opposition zu neutralisieren, dann ist Toleranz pervertiert worden.«[26] Durch Medien, Schule, Politik und Gesetzgebung werde eine Sprache und ein Denken geformt, welches die Mehrheit der Bevölkerung dahin bringt, die »Demokratie mit totalitärer Organisation«[27] zu tolerieren und Abweichlern gegenüber intolerant zu sein.

Heute, 50 Jahre nach der »Repressiven Toleranz«, ist es nicht möglich, ihren Begriff in dem von Marcuse gemeinten Sinne als Ganzes zu erhalten. Man kann seinem Inhalt den Vorzug geben. Dies ist der Fluss des sozialdemokratisch-grünen Mainstreams mit seiner »politischen Korrektheit«. Diese Interpretation darf sich durchaus auf Marcuses Text berufen. Ausdrücklich befürwortet Marcuse, dass »Gruppen und Bewegungen die Rede- und Versammlungsfreiheit entzogen« werde, die »sich der Ausweitung öffentlicher Dienste, sozialer Sicherheit, medizinischer Für­sorge« widersetzen; ja sogar von »Beschränkungen der Lehren und Praktiken in den pädagogischen Institutionen« und von Intoleranz gegenüber ihm missliebiger wissenschaftlicher Forschung fantasiert er.[28]

Wie die Entwicklung der letzten 50 Jahre gezeigt hat, hebt er auf diese Weise allerdings die kritische Bedeutung seines eigenen Begriffs von der »repressive Toleranz« schlechterdings auf. Repressive Toleranz wird dann befürwortet, sofern sie die der heute herrschenden Klasse nützliche Politik stützt. Das Ergebnis ist jedoch nicht die von Marcuse erträumte Freiheit oder auch nur das Erwachen der Massen zu demokratischer Mündigkeit, vielmehr eine beispiellose Gleichschaltung und Degradierung der Bürger zu von der Bürokratie abhängigen, unmündigen Kindern. Man wird demnach entweder Marcuses Inhalt den Vorzug geben, oder man muss die Struktur seiner Kritik an der repressiven Toleranz von ihren zufälligen, dem politischen Tagesgeschäft geschuldeten Inhalten ablösen und ihren befreienden formalen Kern erhalten. Es gehe darum, »die Sprache von der Tyrannei der Orwellschen Syntax und Logik zu befreien« und »die Begriffe zu entwickeln, welche die Realität erfassen«.[29]

»Hegemonie«, »Opiat des Kollektivismus« und »repressive Toleranz« sind analytische Instrumente, die heute wichtiger denn je sind, um die Fähigkeit des Staats zu verstehen, sich durchzusetzen und zu stabilisieren. Sie zeigen auf, wie der Staat fähig ist, Kritik abzuwenden und sogar Kritik zur eigenen Stärkung zu instrumentalisieren. Der Begriff »Kulturmarxismus« dagegen suggeriert, dass es die Ideenträger seien, die Schindluder mit dem Staat treiben und dass der Staat (wieder?) ein guter werden könne, wenn er von anderen Ideen beherrscht würde. Dabei ist es vielmehr umgekehrt, dass sich nämlich die besten Ideen in ihr Gegenteil verkehren, wenn sie über den Staat verwirklicht werden. Das ist die Lektion, die die Liberalen zu lernen haben. Die schlechten Ideen aber haben mit ihrer Verwirklichung über den Staat die Chance, viel größeres Unheil anzurichten, als wenn sie sich im freien Wettbewerb der Ideen bewähren müssten. Diese beiden Lektionen sind es, die die Kulturmarxisten lernen müssen: Wenn sie das, was sie selber für gut halten, mit Staatsgewalt durchsetzen, wird es schlecht. Und wenn sie das, was sie für schlecht halten, mit Staatsgewalt bekämpfen, erhält es den Nimbus des Widerstands.

 

1968 als Vorgeschichte des Libertarismus

Rund um 1968 kommt es in verschiedenen großstädtischen Ghettos der Schwarzen in den USA zu Aufständen, die teilweise bürgerkriegsähnliche Züge annehmen. Neben schwerbewaffneter Bundespolizei wird auch das Militär eingesetzt, um die Aufstände niederzuschlagen. Die neue Generation des Widerstands hat das ewige Getue der »liberals« um die Integration satt. Sie wollen keine Integration in das System der Weißen, die zumeist auf einen staatlichen Zwang hinausläuft, der sowohl Schwarze als auch Weiße betrifft.[30] Stolz nimmt diese neue Generation einen ursprünglich beleidigend gemeinten Begriff und nennt sich »Black Power«.

Seit Mitte der 1960er Jahre gibt Murray Rothbard[31] die Zeitschrift »Left and Right« heraus. Er hatte miterleben müssen, wie die alte, anti-autoritäre amerikanische Rechte im Niedergang begriffen war und zunehmend Etatisten die rechte und konservative Szene in den USA beherrschten. Nun setzt er die Hoffnung darauf, in der Neuen Linken der Idee der Freiheit zu neuem Glanz verhelfen zu können. Bezogen auf den Kampf sowohl gegen den militärisch-industriellen Komplex und die von ihm betriebene interventionistische Außenpolitik der USA als auch gegen die staatlichen Erziehungs­institutionen zeigen sich Gemeinsamkeiten.

Als schließlich die Ghettos brennen und die Parole »Black Power!« durch die Straßen hallt, sind viele »liberals«, die sich für die Integration engagiert hatten, konsterniert und fragen: »Was wollen die eigentlich noch?« Nicht so Murray Rothbard. Er weiß, was »sie« wollen und argumentiert in seinem Essay »The Black Revolution« für die militanteste Fraktion der schwarzen Aufständischen. Sie wollen einfach nicht zum weißen Amerika gehören, sondern fortan ihr eigenes Ding machen: Sezession.[32]

»Die Neger[33] fingen dann an, sich – schnell – von dem alten liberalen Ideal der Zwangsintegration ab und einer anderen Tradition zuzuwenden, die zuvor untergründig und unbeachtet in der Gemeinde der Neger schlummerte. Das war die Idee des schwarzen Nationalismus. […] Eine Zeitlang waren viele Konservative […] begeistert […] über die nationalistische und muslimische Betonung von Selbsthilfe, Sparsamkeit, Würde und Stolz der Neger im Gegensatz zu den alten Idealen der erzwungenen Integration von oben. […] Selbsthilfe, Stolz, Sparsamkeit, Neger-Unternehmen usw. sind schön und gut. Aber es gibt keine Hoffnung darauf, dass sie im Kontext der schwarzen Realität in Amerika gedeihen: permanente Unterdrückung durch die weiße ›Machtstruktur‹. Keines dieser guten und libertären Dinge kann erreicht werden, ohne in erster Linie die von Weißen geführten USA sowie die lokalen und Landesregierungen vom Buckel der Neger zu nehmen.«[34]

Die »Fokussierung der schwarzen Rebellion auf die lebendigen Ausprägungen der weißen Herrschaft in den schwarzen ›Ghettos‹: speziell und vor allem die Polizei« erklärt Rothbard so und hält sie für angemessen: »Es ist die überwältigende weiße Polizei, die die Vollstrecker der Rassengesetze ist und die den in den eigenen Gemeinschaften der Schwarzen vorzufindenden Rassismus durch systematische Brutalisierung der unterworfenen Bevölkerung ausdrückt. […] Die Polizei ist der gemietete Schläger, der die schmutzige Arbeit für die Chefs des Staatsapparates macht. Im Umgang mit armen Menschen schreitet die Polizei aufgrund des Mangels an sozialer oder politischer Macht unter den Armen mit weitaus härterer Hand zur Sache als im Umgang mit der Ober- oder Mittelschicht. Aber bei der Konfrontation mit den Negern, verstärkt und verdoppelt die rassistische Haltung die übliche brutale Rolle der Polizei.[35] Es ist kein Zufall, dass praktisch jeder einzelne Fall der schwarzen Rebellion in den Städten von Polizei-Brutalität ausgelöst wurde.« Im Laufe des Kampfes um ihre Unabhängigkeit erkennen die Schwarzen zunehmend, schreibt Rothbard weiter, dass es neben der Polizei weitere »Kolonialverwalter« des Staats gibt, vornehmlich die Stadtplaner und die Erziehungs­behörden.

Am Schluss skizziert Rothbard, wie die »liberals« und die »conservatives«, die linke und die rechte Seite des Establishments, sich immer ähnlicher werden. Aber er sieht noch eine andere Koalition »am Horizont auftauchen«: »die Koalition der Opposition, die Opposition all jener, die, was auch immer ihre Unterschiede der Rhetorik, der Schwerpunktsetzung oder sogar der Substanz sind, sich einig sind in ihrer unversöhnlichen Feindseligkeit gegenüber der Verknüpfung von Gewalt und Geld im liberal-konservativen Establishment der USA, gegenüber dem Zwang, den die liberale Rhetorik verschleiert, gegenüber der ›Humanität-mit-Guillotine‹.«[36] Die Möglichkeit einer solchen »Koalition der Opposition« ist gegeben. Rothbard zitiert aus einem Aufruf eines führenden Funktionärs[37] des neu-linken SDS, der »Students for a Democratic Society«: »Der konservative rechte Flügel mit imperialistischer, autoritärer und sogar monarchistischer Gesinnung ist gegenwärtig noch verbrüdert mit dem libertären rechten Flügel, der laissez faire, freien Markt und Individualismus vertritt. […] Warum haben sich die traditionellen Gegner der großen, militarisierten, zentralen autoritären Regierung mit den kühnsten Verfechtern der Regierung verbunden? Dies haben sie getan, weil sie überzeugt sind, dass Gefahr im Verzug sei, die ein vorübergehendes Abweichen von den letztendlichen Zielen erfordert. Sie sollten es besser wissen. Sie sollten wissen, dass der totalitäre Imperialismus die Gefahr im Verzug ist, dass vorrangig durch die Ideologie der ›Bedrohung von außen‹ […] Krieg und globaler Imperialismus rationalisiert worden sind. […] Diese Art des politischen Denkens, tief verwurzelt in Amerika, wird heute von der Befreiungsbewegung der Neger und der Studenten­bewegung gegen den Imperialismus der ›great society‹ […] fortgeführt. Dass diese Bewegungen als ›links‹ bezeichnet werden, bedeutet nichts. Sie sind aus dem Holz des amerikanischen humanistischen Individualismus und der freien Vereinbarung geschnitzt; und nur durch sie wird die libertäre Tradition aktiviert und am Leben gehalten. In einem tieferen Sinne stehen die Alte Rechte und die Neue Linke moralisch und politisch auf einer Linie.« Diese Analyse klingt in erschreckender Weise aktuell.

Die Situation, in der Rothbard sich 1968 befindet, sieht folgendermaßen aus: Mit der alten amerikanischen Rechten, zu denen einst so ausgesprochene Anarchisten wie Albert Jay Nock[38] zählten, ist in den USA nun nichts mehr anzufangen. Sie hat sowohl die Macht verloren als auch das Ideal der Freiheit aufgegeben. Ein Pessimismus präge sie, wie Rothbard schreibt,[39] dass die vergangenen Zeiten eben nicht wiederkämen. Die Herrschaft üben Sozialtechnokraten aus, die sich ebenso gegen den klassischen Liberalismus wenden wie gegen den kommunistischen Feind im Osten; sie behalten in den USA das Adjektiv »liberal« allerdings meist bei, sodass hier der Begriff des Liberalismus einen genauso drastischen Bedeutungswandel erfährt wie der Begriff des Konservativismus. Die Sozialtechnokraten wähnen sich ideologie- und wertfrei, es geht ihnen einzig um eine reibungslose und effiziente Ausübung der Herrschaft. Gegen die Sozialtechnokratie mit all ihrer Bevormundung und ihrer Kriegswirtschaft rebellieren die »Neuen Linken«. Ihre Theorien sind ein wildes Gemisch aus Marxismus, Anarchismus, Psychoanalyse[40] sowie klassischem Liberalismus.[41]

Rothbard erkennt den anti-etatistischen Kern im neu-linken Aufbegehren gegen die sozialtechnokratische Bevormundung, allerdings ebenso die Instabilität in den Vor­stellungen der Neuen Linken. Sie sind, weil sie über keine fundierte Staatskritik verfügen, anfällig dafür, dass sie sich in das System der Sozialtechnokratie integrieren lassen, sobald ihre »alternativen« Projekte staatliche Unterstützung, also »Staatskrete« erhalten. Der Liberalismus ist durch die Umdeutung durch die Sozialtechnokraten für die Neue Linke unattraktiv, ebenso wie die Konservativen durch ihren Verrat am Anti­militarismus keine Option darstellen.

Es bedurfte nach Rothbards Auffassung in dieser Situation einer neuen politischen Bewegung. Der Begriff »Liberalismus« war seiner Analyse nach ebenso verbrannt und unbrauchbar wie die Begriffe »Konservatisismus« und »Rechts«. Rothbard entscheidet sich für einen anderen Begriff, den des Libertarismus. Einerseits folgt er der gleichen Wortlogik wie der Liberalismus, indem er sogar noch stärker als »Liberalismus« aus dem angelsächsischen Wort »Liberty« für politische Freiheit hergeleitet ist. Andererseits ist er, vor allem in der Form als Adjektiv, europäisch »libertär«, englisch »libertarian«, bereits in einem ganz bestimmten Zusammenhang der politischen Linken eingeführt. Als »libertär« bezeichneten sich zum einen solche Sozialisten und Kommunisten, die sich von staatsfixierten Vorstellungen etwa der Bolschewisten abgrenzen wollten, zum anderen Anarchisten, die es satthatten, ständig mit Terroristen oder anderen Chaoten verwechselt zu werden. Dies war nicht nur in Europa so, sondern auch in den USA. Etwa gebrauchte Paul Goodman,[42] einer der anarchistischen Vordenker der Neuen Linken mit starkem Einfluss auf die Protestbewegung bis Mitte der 1960er Jahre, das Wort »libertarian« 1945 in seinen Reflexionen darüber, warum er den Wehrdienst im zweiten Weltkrieg verweigert habe.[43] Da ist natürlich anderswo »links« als bei Hillary Clinton oder Angela Merkel. Aber sind die überhaupt »links«? Wo wäre dann überhaupt »rechts«?

 

[Vortrag gehalten auf der Konferenz von »eigentümlich frei«, 12. bis 14. 1. 2018, Usedom.]

 

[1] Karl-Heinz Kurras (1927-2014). IM 1955 bis (mindestens) 1967. Er wurde im Prozess freigesprochen, obwohl seine Behauptung, in Notwehr gehandelt zu haben, eindeutig widerlegt ist.

[2] 1890-1970. 1958 Verfassungsreform und Gründung der Fünften Republik mit starkem Präsidenten. Präsident derselben 1959 bis 1969.

[3] Generalstreik, an dem sich Millionen Franzosen beteiligen, am 19. Mai 1968. Am 29./30. Mai verlässt de Gaulle das Land, kehrt jedoch zurück. Eine Gegendemonstration hat nur wenige hunderttausend Teil­nehmer. Bei den Wahlen im Juni dagegen triumphiert de Gaulle.

[4] Eine vergleichbare machtpolitische »Unfähigkeit« stellte die Weigerung von dem Anarchisten Errico Malatesta (1853-1932) dar, 1920 in Italien zum »italienischen Lenin« zu werden. Stattdessen erringt Benito Mussolini (1883-1945) die Macht.

[5] Der »Lange Marsch« bezieht sich auf den strategischen Rückzug der kommunistischen Streitkräfte unter Mao Zedong 1934-35. Von rund 100.000 Soldaten, die in den Marsch starteten, überlebten ihn kaum mehr als 10.000. Unterdessen wurde der Große Steuermann in einer Sänfte getragen und las altchinesische Lyrik. Vgl. Stefan Blankertz, Das Maodeking, Berlin 2016 http://editiongpunkt.de/publikationen/historie-308/.

[6] Geboren 1945.

[7] Daniel und Gabriel Cohn-Bendit, Linksradikalismus: Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunis­mus, Reinbek 1968.

[8] 1917-1963. Präsident ab 1961 (Gegenkandidat Richard Nixon). 1963 Ermordung.

[9] 1908-1973. Präsident ab 1963 (als Vize für Kennedy nachgerückt); Wiederwahl 1964 (Gegenkandidat Barry Goldwater) bis 1968.

[10] 1913-1994. Präsident 1969-1974. Rücktritt aufgrund des »Watergate-Skandals« (d.h. Abhörung des politischen Gegners im Wahlkampf sowie, nach der Aufdeckung, öffentliche Lügen).

[11] Die Zitate stammen aus | zwei verschiedenen Flugblättern; sie beide tragen das gleiche Datum: 24. 04. 1967, also zwei Tage nach dem Brand im »À l’innovation«.

[12] edition g., Berlin 2017. http://editiongpunkt.de/publikationen/historie-1968/.

[13] 1943-1977. Ab 1970 »Rote Armee Fraktion«.

[14] Eine Analogie besteht, wenn zwei Sachverhalte sich in mindestens einem entscheidenden Merkmal ähneln, erfordert aber nicht, dass sie sich in allen Hinsichten gleichen. Das hier gemeinte analoge Merkmal ist der Verweis auf »Satire«.

[15] Murray Rothbard, The Betrayal of the American Right, Auburn 2007. Verfasst ursprünglich 1971, 1973 überarbeitet, 1991 für die Veröffentlichung vorgesehen. Dt. Der Verrat an der amerikanischen Rechten, Grevenbroich 2017.

[16] Einen traurigen Auftritt hatte der Begriff »Kulturmarxismus« in dem Manifest des norwegischen Terroristen Andreas Behring Breivik. Im Juli 2011 ermordete er 77 Menschen, um auf diese Weise, wie er erklärte, dem Kulturmarxismus entgegen zu wirken. Nun kann der Begriff wenig dafür, was ein Andreas Behring Breivik mit ihm oder in seinem Namen anstellt. Aber Vorsicht: Wer so argumentiert, sollte auch zwei Mal überlegen, ob der den Islam für die Verbrechen verantwortlich macht, die in seinem Zeichen begangen werden.

[17] 1891-1937.

[18] Sie können erst Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre veröffentlich werden.

[19] 1903-1969.

[20] Vgl. Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis (aus seinem Nachlass), in: ders., Stichworte, Frankfurt /M. 1969, S. 188

[21] 1898-1979.

[22] Theodor W. Adorno, Minima Moralia (Notiz von 1944), Frankfurt /M. 1951, S. 17.

[23] Zweifellos ist der Bourgeois im marxistischen Sinne gemeint.

[24] Dies richtet sich zentral gegen den Gründungsmythos der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam), der Geschichte vom Tanz ums Goldene Kalb, in welcher Mose dazu aufruft, Anders­gläubige Verwandte, Brüder, Schwestern, Söhne, Töchter, Vater und Mutter zu ermorden.

[25] 1965.

[26] Herbert Marcuse, Repressive Toleranz, in: Robert P. Wolff, Barrington Moore, Herbert Marcuse, Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt /M. 1965, S. 121f. Ironie am Rande: Marcuses Essay würde heute seiner­seits unter die Zensur der herrschenden Linken fallen, da er an einer (inhaltlich unbedeutenden) Stelle von »Negern« spricht – damals, 1965, ein wertfreier Begriff.

[27] ebd., S. 108, vgl. auch S. 110.

[28] ebd., S. 111f.

[29] ebd., S. 123.

[30] Vgl. etwa das »bussing«: Um eine gemischtrassigen Schulbesuch zu erzwingen, obwohl die Wohngebiete segregiert waren, mussten die Schulkinder oft über sehr weite Strecken mit dem Bus transportiert werden, anstatt eine Schule der Nachbarschaft besuchen zu können.

[31] 1926-1995. Vgl. http://www.murray-rothbard-institut.de/texte/murray-rothbard-rechts-oder-links/

[32] Der ganze Essay auf Deutsch: http://www.murray-rothbard-institut.de/texte/die-schwarze-revolution/

[33] »Neger« war zu dem Zeitpunkt der neutrale, »Schwarzer« der pejorative Begriff.

[34] Bei seinem Lehrer Ludwig von Mises hatte Rothbard die kompromisslose Form des Sezessionsrechts gelernt: Nicht nur jedes Volks, jede Stadt, jeder Stadtteil, jedes Dorf habe das Recht zu erklären, nicht mehr dem ursprünglichen Staatsgebildet angehören zu wollen. Mises dachte freilich nicht an die Schwarzen in den USA, aber er kannte die Sprachen- und Minderheitenkonflikte in Europa, etwa Belgien. Sein Schüler wandte die Idee nun auf die aktuelle Situation an. Sie stand übrigens ganz in der Tradition von Thomas Jefferson. Auch er sah die Lösung der Sklavenfrage darin, die Sklaven, die bei der Konstitution der USA nicht gefragt worden seien, so auszustatten, dass sie ihren eigenen Staat bilden können.

[35] Deutsch im Original.

[36] … » wie es die libertäre Isabel Paterson [1886-1961] so denkwürdig formulierte«.

[37] Carl Oglesby (1935-2011).

[38] 1870-1945.

[39] In: Left and Right: The Prospects for Liberty, 1965 (dem Eröffnungsessay der Zeitschrift).

[40] Für diejenigen, die über Freud die Nase rümpfen, der Hinweis, dass jedenfalls Ludwig von Mises große Stücke auf ihn hielt. Vgl. http://www.murray-rothbard-institut.de/texte/notizen-zu-ludwig-von-mises-theory-and-history/ (besonders Fn. 3).

[41] Wilhelm von Humboldt. Thomas Jefferson.

[42] 1911-1972.

[43] Eine Serie von Essays. 1946 publiziert unter dem Titel The May Pamphlet, 1962 als Drawing the Line.